Rückblick Landesweite Gedenkveranstaltung “ERINNERN, BETRAUERN, WACHRÜTTELN” am 27. Januar 2026 in Wöbbelin und Ludwigslust

Unser Auftrag in der psychosozialen Arbeit aus der Vergangenheit für die Gegenwart und Zukunft

Seit 2008 wird in Mecklenburg-Vorpommern jährlich in der trialogisch organisierten landesweiten Veranstaltungsreihe „ERINNERN, BETRAUERN, WACHRÜTTELN“ der Menschen gedacht, die im Nationalsozialismus aufgrund psychischer Erkrankungen, geistiger oder körperlicher Behinderungen entrechtet, zwangssterilisiert, deportiert oder ermordet wurden. Ihr Schicksal mahnt uns bis heute, Verantwortung zu übernehmen – für ein achtsames, respektvolles und inklusives Miteinander.

Kranzniederlegung auf dem ehemaligen Lagergelände der Mahn- und Gedenkstätte Wöbbelin

Mit der Übernahme der Macht am 30. Januar 1933 wurden die rassebiologischen Vorstellungen der Nationalsozialisten zur staatlichen Politik in Deutschland. Bereits ein halbes Jahr später verabschiedete die Regierung das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“, auf dessen Grundlage deutsche Erbgesundheitsgerichte bis 1945 über 400.000 Menschen sterilisieren ließen. Die Radikalisierung der NS-Rassenpolitik gipfelte in den „Euthanasie“- Morden an erkrankten und behinderten Menschen. Per 01.09.1939 ermächtigte Adolf Hitler ausgewählte Ärzt*innen, Pfleger*innen und Hebammen zur „Vernichtung lebensunwerten Lebens“. 1940/41 wurden reichsweit über 70.000 Patient*innen aus Nervenheilanstalten, auch aus dem heutigen Mecklenburg-Vorpommern, in sechs Tötungsanstalten ermordet. Zwar wurde diese geheime „Aktion T 4“ im August 1941 eingestellt, doch das Töten ging dezentral in den Anstalten weiter.

Heutigen Forschungen zufolge wurden mindestens 296.000 erkrankte und behinderte Menschen in der Zeit des Nationalsozialismus bis 1945 ermordet: durch gezielte „Ausmerze“, durch Hungerkost, in den sog. „Kinderfachabteilungen“, wie es sie auch in Schwerin gab. Letztendlich waren die Vergasungsanlagen in den Tötungsanstalten die Erprobungsfelder für die dann einsetzende Massenvernichtung der jüdischen Bevölkerung und anderer Bevölkerungsgruppen und ethnischer Minderheiten.

Gemeinsam mit zahlreichen regionalen und landesweiten Kooperationspartner*innen wie der Landeszentrale für politische Bildung Mecklenburg-Vorpommern, dem Landkreis Ludwiglust-Parchim, der Diakonie Westmecklenburg-Schwerin gGmbH, der Mahn- und Gedenkstätte Wöbbelin, dem Verein “Das Boot” Wismar e.V., dem Verein EX-IN Mecklenburg-Vorpommern e.V. und dem Kinderzentrum Mecklenburg gGmbH veranstaltete der Landesverband Sozialpsychiatrie Mecklenburg-Vorpommern e.V. in diesem Jahr die Landesweite Gedenkveranstaltung in Wöbbelin und Ludwigslust. Unter dem Motto „Unser Auftrag in der psychosozialen Arbeit aus der Vergangenheit für die Gegenwart und Zukunft“ wurde der Blick darauf gerichtet, welche Bedeutung dieses historische Erbe für unsere heutige und zukünftige psychosoziale Arbeit hat.

Die Kranzniederlegung und das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus fanden auf dem ehemaligen Lagergelände an der Mahn- und Gedenkstätte Wöbbelin statt. Nach der Eröffnung durch Gedenkstättenleiterin Anja Pinnau gingen der Landrat des Landkreises Ludwigslust-Parchim Stefan Sternberg und der Kreistagspräsident Ludwiglust-Parchim Olaf Steinberg in ihren Grußworten auf die Bedeutung des historischen Gedenkens und dieser Veranstaltung insbesondere im Zusammenhang mit den aktuellen gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen ein. Sie bedankten sich bei den über 150 Teilnehmer*innen, die im Rahmen der Veranstaltung ein Zeichen des Erinnerns und des Engagements für unsere demokratische Grundordnung und die Unverletzlichkeit der Menschenrechte setzen.

Schüler*innen des Goethe Gymnasiums Schwerin bei der Kranzniederlegung

Nach der religiösen Andacht mit Pastor und Stiftspropst Dr. Ulf Harder in der Stiftskirche Bethlehem in Ludwiglust kamen die Teilnehmer*innen im Festsaal des Stifts Betlehem zu einem gemeinsamen Fachtag zusammen. Eröffnet wurde die Veranstaltung von Susanne Bowen (Staatssekretärin des Ministeriums für Wissenschaft, Kultur, Bundes- und Europaangelegenheiten MV), Silvia Witt (Bürgerbeauftragter Mecklenburg-Vorpommern), Dr. Ulf Harder (Stift Betlehem, Diakonie Westmecklenburg-Schwerin gGmbH) und Robert Illner (Verein EX-IN Mecklenburg-Vorpommern e.V.).

Religiöse Andacht in der Stiftskirche Bethlehem in Ludwigslust mit Pastor und Stiftspropst Dr. Ulf Harder

In einem ersten Fachvortrag ging Dr. Karsten Uhl (Leitung Abteilung Dokumentation und Forschung der KZ-Gedenkstätte Neugamme) auf die ideologischen und gesellschaftlichen Ursprünge der NS-“Euthanasie” ein und stellte dabei auch einen Bezug zum Außenlager Wöbbelin des Konzentrationslagers Neugamme her. Er skizzierte die historischen und ideologischen Entwicklungen, die dazu geführt haben, dass das eugenische Denken sich im Nationalsozialismus etablieren konnte und die Tötungen von seelisch, körperlich oder geitig beeinträchtigten Kinder und Erwachsenen von medizinischen Fachkräften in Heil- und Pflegeanstalten systematisch umgesetzt wurde.

Michelle “Charly” Storch vom EX-IN Verein Mecklenburg-Vorpommern e.V. ging im Anschluss in ihrem Beitrag auf die positiven Entwicklungen in der psychiatrischen und psychosozialen Versorgung von Menschen mit psychischen Erkrankungen ein, die sich in Deutschland in den letzten Jahrzehnten nach dem Nationalsozialismus entwickelt und etabliert haben. Trotz der Errungenschaften beispielsweise bei den Rechten von Menschen mit Behinderungen oder der Recoveryorientierung als Leitbild der psychiatrischen Versorgung, wies sie auch auf bestehende Herausforderungen hin, die die soziale und gesellschaftliche Teilhabe sowie eine ganzheitliche Behandlung- und Unterstützung von Menschen mit psychischen Erkrankungen immer noch entgegenstehen. Hierzu zählt unter anderem die bestehende Fragmentierung des psychiatrischen Hilfesystems, fehlende Angebote der Prävention oder Barrieren bei den Zugängen von psychiatrischen, psychotherapeutischen und psychosozialen Hilfen.

Unter dem Titel “Die Liebe zum Leben” berichtete die Erfahrungsexpertin Undine Gutschow aus Wismar vor dem Hintergrund ihrer eigenen persönlichen Biographie über die langfristigen psychischen Folgen des Nationalsozialismus auf die nachfolgenden Generationen im Zusammenhang mit transgenerationalen Traumatisierungen und deren persönliche Bewältigung. Zum Abschluss richtete Sandra Rieck (Vorstandsvorsitzende des Landesverbandes Sozialpsychiatrie Mecklenburg-Vorpommern e.V.) in einer Videobotschaft den Blick darauf, welche Bedeutung das historische Erbe der NS-“Euthanasie” für unsere heutige und zukünftige psychosoziale Arbeit hat.

Im Namen der Veranstalter*innen bedanken wir uns bei allen Beteiligten, Teilnehmer*innen und Referent*innen für die gelungene Veranstaltung.

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