Corona und Menschen mit seelischen Belastungen und Behinderungen

Von Frank Hammerschmidt (Landesverband Sozialpsychiatrie Mecklenburg-Vorpommern e.V)

Menschen mit seelischen Problemen / Behinderungen können sich nur sehr schlecht für ihre
Belange einsetzen oder gar organisieren. Ihre Symptome, wie Lethargie, chronische Erschöpfung, Ängste und Überforderung im Alltag, sowie auch massive Medikamentennebenwirkungen, machen sie zu instabil, um kontinuierlich in Vereinen und politisch Lobbyarbeit leisten zu können. So laufen sie Gefahr, nicht oder nicht angemessen berücksichtigt zu werden, wie das Verfahren zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention mit der BTHG – Entwicklungsbeteiligung zunächst gezeigt hat. Für Menschen mit seelischen Problemen hat sich die Art und Weise der Berichterstattung und Maßnahmen zur Handhabung der Corona- Pandemie in Deutschland, zu einem traumatisierenden und mitunter tödlichen Leidensdruck entwickelt. Mit diesen PsychoTraumen werden wir noch in Jahren zu tun haben, wenn „Corona“ längst vergessen sein wird. Mit Verlaub, die Art und Weise der Berichterstattung empfanden viele Menschen als Frontberichterstattung. Angst, Angst, Angst! Abschreckung, schreckliche Bilder, schlimme Szenarien, einhämmernd verbindend mit dem Wort Corona und Covid-19. So psychologisch eingeübt aufgeladen, bedarf es nur noch der Erwähnung eines dieser Wörter, um all die Ängste und Schreckensbilder ergänzt mit eigenen Sorgengedanken und eigenen Schreckensphantasien hervorzurufen. Corona gnadenlos auf allen Kanälen und Sondersendungen sogar gleichzeitig. Entfliehen zum Schutz der seelischen Gesundheit, unmöglich!

Destabilisierend für unsere Psyche, Verwirrung stiftend, wirkte auch die massive Veränderung, ja fast Auflösung der bisher vertrauten Programmstrukturen der öffentlichrechtlichen Sender. Seelisch belastete Menschen brauchen feste Strukturen ganz besonders zum Leben. Sie geben ihrem Alltag Orientierung, Stabilität, Verlässlichkeit und ganz besonders in Krisen inneren Halt. Ich höre zum Beispiel viel Deutschlandfunk, der meiner Wahrnehmung nach seine Programmstruktur Corona-bedingt auflöste und mit Mosaiksteinen jonglierte. Auf dessen Internetpräsens konnte ich meine Verwirrung nicht in Klarheit verwandeln. Inzwischen sind Sendeplätze und Struktur wieder hergestellt. Auch in Magazin-Sendungen unterhaltend- dokumentarischen Charakters, dominierte Corona. Fast genüsslich brachten Journalisten nahezu jede Lebensregung thematisch mit dem Angstwort in Verbindung. Alles was Kraft, Freude und Zuversicht oder auch nur Ablenkung von Ohnmacht und Verzweiflung geben könnte, wurde so vergiftet. Suizid erscheint da wieder attraktiv, Lebenswille erstirbt als überflüssig. Gerade in der ersten Zeit, wurden nur die Zahlen der Infizierten und Todesfälle angegeben. Es dauerte viel zu lange, bis endlich auch die Zahl der Genesenden bekannt gegeben wurde. Es braucht dringend so einen Nebelstreif von Hoffnung und Zuversicht, auch mit klaren Fakten kann man das!

Als Todesfälle sind nicht nur Suizide zu betrachten durch die erste Art des Umgangs mit der Corona-Pandemie, sondern auch kranke, alte und geschwächte Menschen verstarben vorzeitig, ausgelöst durch seelischen Dauerstress, der ihre Resilienz, Hoffnung und Selbstheilungskräfte erschöpfte. Sie tauchen in keiner Statistik auf, müssen aber unbedingt bei allen Abwägungen von verhältnismäßigen Entscheidungen zu Einschränkungen Berücksichtigung finden!

In großer Gefahr mit unerträglichem Leidensdruck sind auch Menschen mit Entwicklungstrauma, die Trauma bedingt, ohne Partner und eigener Familie alleinlebend, von zu wenig positiven Körperkontakt und Einsamkeit stark belastet sind.

Folgen bisherigen Corona Umgangs sind bei seelisch belasteten Menschen des Weiteren:

  • das Vermeiden von Arztbesuchen;
  • der Verzicht stationärer Therapie; selbst nach jahrelanger Wartezeit;
  • Vermeiden von öffentlichen Verkehrsmitteln;
  • Vermeiden von Situationen mit Maskenpflicht, weil sie schlecht Luft und Panikattacken bekommen oder
  • Traumatisierte fürchten sich vor Menschen mit Masken, weil sie Gefahren nicht mehr an der Mimik ablesen können;
  • Sozialkontaktverweigerung der Anderen wirkt wie zusätzlich Stigmatisierung,
  • Verlassenheit, Einsamkeit verstärkend;
  • Bekommen deutlich eine Atmosphäre der Anspannung, Aggressivität, Stress und zunehmende „Blockwart“-Mentalität ihrer Mitmenschen zu spüren;
  • wichtige Beziehungen, Freundschaften zerbrechen;
  • Kinder lernen und zeigen Sozialverhalten der Distanz, der sozialen Kälte, Körperfeindlichkeit, was als schmerzvolle Zurückweisung und Kälte empfunden wird.

Darum ist wichtig, für einen weiteren Umgang in der Krise dafür zu sorgen, dass psychologisches Feingefühl sich entfalten kann, dass ein lösungsorientierter Austausch und eine Feinabstimmung mit Menschen mit psychischen / seelischen Behinderungen erfolgen. Des Weiteren geht es darum, Hoffnung und Zuversicht zu schaffen und Klarheit und Orientierung zu generieren. Therapeutische Beziehungen müssen ermöglicht werden, statt Menschen mit Medikamenten in Einsamkeit/ Hilflosigkeit zu isolieren. Berücksichtigung muss finden, dass viele Menschen gar keinen Zugang zu Internet und Sozial-Medien haben und mit tollen Apps gar nichts anfangen können, besonders, wenn sie erschöpft, krank, belastet oder behindert sind. Generell kann konstituiert werden, dass punktuell auftretende Infektionen bitte nur mit punktuellen Maßnahmen bekämpft werden sollten. Keine Rückkehr zur pauschalen, großflächigen, massiven Einschränkungen!

Luft zum Leben und unbeschwerter Lebensfreude lassen!!!

Hochachtungsvoll

Frank Hammerschmidt mit Unterstützung des Vorstandes des Landesverband
Sozialpsychiatrie M-V e.V.

Den Text als PDF finden Sie auch hier.

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