22 Wochen Warten – Jeder Tag ist einer zu viel! Die Pedition der Deutschen Depressionsliga

Jährlich weisen etwa 28 % der Erwachsenen in Deutschland Merkmale von einer behandlungsbedürftigen psychischen oder psychosomatischen Erkrankung auf. Psychische und psychosomatische Belastungen oder Erkrankungen gehen mit viel Leid für die Betroffenen und Angehörigen sowie mit weiteren psychosozialen Folgebelastungen (Stigmatisierung, verminderte Lebensqualität, berufliche Beeinträchtigungen etc.) einher. Bei den meisten psychischen Erkrankungen empfehlen die psychiatrischen und psychotherapeutischen Fachgesellschaft Unterstützung durch eine psychotherapeutische Behandlungen. Allerdings liegt die durchschnittliche Wartezeit auf einen Psychotherapieplatz bei 22 Wochen. Bei vielen Betroffenen verschlechtert sich dadurch die Lebenssituation und der Leidensdruck nimmt erheblich zu. Anlässlich dieser prekären Versorgungssituation fordert die Deutsche Depressionsliga mit Ihrer Pedition die Bundesregierung dazu auf, nicht länger zu warten, und endlich etwas zu verändern. Die Pedition wird am 10. Oktober 2022, dem Welttag der Seelischen Gesundheit, an die Bundesregierung übergeben. Wenn Sie sich an der Pedition beteiligen möchten, finden Sie hier den Zugang: #22WochenWarten

Forum „Psychische Gesundheit und Radikalisierung – Implikationen für die Praxis“ am 02. und 03. November 2022 hybrid

Psychologische Faktoren und psychische Gesundheit sind ein komplexes Thema im Zusammenhang mit Radikalisierungsprozessen und ein wichtiger Aspekt von Interventionsmaßnahmen im Kontext von Radikalisierung. Dass psychologische Faktoren in der Intervention an Bedeutung gewinnen, zeigt sich an öffentlich breit diskutierten Fällen wie dem Messerangriff in Würzburg im Juni 2021 oder dem Anschlag auf eine Shisha Bar in Hanau im Februar 2020, aber auch in der Beratungspraxis von Koordinierungs- und Beratungsstellen zur Radikalisierungsprävention selbst. In gemeinsamer Kooperation mit der Landeszentrale für politische Bildung Mecklenburg-Vorpommern und weiteren Kooperationspartnern beschäftigt sich der Landesverband Sozialpsychiatrie Mecklenburg-Vorpommern e.V. seit diesem Jahr unter anderem mit dem Thema psychische Gesundheit und Radikalisierung.

Foto von Brett Sayles

Neben den Akteuren aus Mecklenburg-Vorpommern setzt sich auch das Forum der Koordinierungs- und Beratungsstelle Radikalisierungsprävention in diesem Jahr mit dem Schwerpunkt psychische Auffälligkeiten im Zusammenhang mit Radikalisierung auseinander und kooperiert dazu mit dem Forschungsprojekt Aktivierung von Angehörigen von Heilberufen für das Thema Extremismusprävention durch Qualifizierung und Vernetzung (HE-QV) des Universitätsklinikums Ulm, das mit Mitteln des Bundesministeriums des Inneren und für Heimat und durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) gefördert wird. Hierzu findet am 02. und 03. November 2022 das hybride Forum Psychische Gesundheit und Radikalisierung – Implikationen für die Praxis statt. Ziel der Veranstaltung ist es, eine konstruktive Auseinandersetzung mit psychischer Gesundheit zu stärken, die politisch motivierten Extremismus und psychische Erkrankungen differenziert betrachtet und Stigmatisierungstendenzen vermeidet. Gemeinsam mit Expert*innen wird ein inklusiver und interdisziplinärer Dialog zwischen Wissenschaft, Praxis der Präventions- und Deradikalisierungsarbeit sowie dem Gesundheitswesen angeregt. Zudem sollen im Rahmen der Veranstaltung pragmatische Handlungsansätze für die Radikalisierungsprävention erarbeitet werden.

Weitere Informationen zum Programm und zu den Anmeldungsmodalitäten sind im September 2022 auf der Internetseite des Demokratie-Zentrums Sachsen zu finden. Die Ankündigung mit entsprechenden Kontaktdaten finden Sie hier:

Tagungsdokumentation zur Fachtagung „Digitalisierung und neue Perspektiven in der psychosozialen Arbeit“

Tagungsdokumentation zur Fachtagung „Digitalisierung und neue Perspektiven in der psychosozialen Arbeit“

Der Einsatz digitaler und internetbasierter Technologien hat im Rahmen von gesellschaftlichen Digitalisierungsprozessen in der Beratung, in der psychosozialen Versorgung und in der Praxis der Klinischen Sozialarbeit an Bedeutung gewonnen.

Im Zuge der digitalen Transformation kam es in vielen gesellschaftlichen Bereichen zu grundlegenden strukturellen Veränderungen der Lebenswelten und Kommunikationsformen. Die breite gesellschaftliche Verwendung der vielfältigen digitalen und internetbasierten Technologien sowie der neuen Medien geht mit einer höheren Flexibilisierung und Beschleunigung der sozialen und wirtschaftlichen Lebenswelt sowie des allgemeinen Kommunikations- und Informationsverhaltens einher. Eingebettet in diesen gesellschaftlichen strukturellen Wandel müssen sich auch soziale Organisationen sowie psychosoziale Unterstützungs- und Beratungsangebote mit den veränderten Lebenswelten ihrer Zielgruppen auseinandersetzen.

Neben den durch die digitale Transformation einhergehenden neuen Herausforderungen für die Methodik, Interventionen und organisatorischen Arbeitsweisen, verspricht der Einsatz von digitalen Technologien in der Beratungspraxis auch eine Vielfalt an neuen Möglichkeiten und Chancen im Rahmen der Niedrigschwelligkeit, Flexibilität und Anonymität.

Damit gehören digitale Kommunikations- und Unterstützungsangebote neben traditionellen persönlichen Konsultationen zu einem wichtigen Medium für Gesundheitsfragen. Auch die räumliche und zeitliche Flexibilisierung durch digitale Formen der Unterstützungs- und Kommunikationsangebote erleichtert den Zugang zu verschiedenen psychosozialen Angeboten für viele Menschen.

Im Zuge dieser Entwicklung veranstaltete das European Centre of Clinical Social Work e.V. in Kooperation mit der Fachhochschule Wien, dem Landesverband Sozialpsychiatrie Mecklenburg-Vorpommern e.V., dem Institut für Sozialpsychiatrie Mecklenburg-Vorpommern e.V., dem Verein EX-IN Mecklenburg-Vorpommern e.V., dem Schweizer Fachverband Soziale Arbeit im Gesundheitswesen und der Hochschule Neubrandenburg am 20. Mai 2022 die digitale Fachtagung „Digitalisierung und neue Perspektiven in der psychosozialen Arbeit“.

Die Tagungsdokumentation mit einem Rückblick zur Tagung, mir den Videoposterpräsentationen und den Präsentationen der Referent*innen finden Sie hier.

Neuerscheinung Gewalt und ihre Folgen

Traumatisierungen durch schwere physische und psychische Gewalterfahrungen sowie durch sexuelle oder körperliche Misshandlungen gehen mit zahlreichen langfristigen gesundheitlichen Folgen einher, welche sich sowohl auf der psychischen als auch auf der körperlichen Ebene äußern.

In Deutschland wird die Prävalenz von Traumafolgestörungen zwischen 1,5 und 2 % geschätzt. Dabei weisen vor allem Zielgruppen der psychosozialen und psychiatrischen Versorgung ein ausgeprägtes Risiko von traumabezogenen Störungen auf. Ungefähr 57 % der wohnungslosen Menschen, 7 bis 35 % der geflüchteten Menschen, 6 bis 21 % der Menschen in Strafvollzugsanstalten, 50 % der Menschen in Maßregelvollzugsanstalten, 30 bis 50 % der Klient*innen in der Suchthilfe, 60 % der Kinder- und Jugendlichen in Heiminstitutionen, 50 bis 80 % der Frauen mit Gewalterfahrungen in Partnerschaft und Familie und 14 bis 46 % der Menschen mit psychotischen Störungen sowie ca. 36 % der Menschen mit Persönlichkeitsstörungen berichten in klinischen Studien über Merkmale von schweren Traumafolgestörungen.

Traumabezogene Störungen gehören zu einer Gruppe von psychischen Erkrankungen, die ein hohes Chronifizierungsrisiko aufweisen und mit zahlreichen psychosozialen Beeinträchtigungen im Zusammenhang stehen. Um der Chronifizierung von psychischen Beschwerden und Symptomen sowie den langfristigen negativen Folgen entgegenzuwirken sind spezialisierte psychotherapeutische und psychosoziale Behandlungs- und Unterstützungsangebote notwendig. Aufgrund fehlender therapeutischer Möglichkeiten oder der Schwere der Traumafolgestörung ist der Zugang zu solchen notwendigen Angeboten für viele Betroffene erschwert. Bei diesen Zielgruppen sind andere Möglichkeiten der psychosozialen Unterstützung notwendig, um die Bewältigung von erlittenen Gewalterfahrungen und schweren Traumatisierungen zu ermöglichen.

Mit diesen alternativen Formen der Bewältigung und Unterstützung von traumabetroffenen Menschen beschäftigt sich das neue Buch „Gewalt und ihre Folgen: Traumafolgestörungen und Bewältigungsstrategien“, das von der Ärztin, Psychoanalytikerin und Psychotherapeutin Barbara Bojack Anfang des Jahres herausgegeben wurde. Mehrere Autor*innen aus verschiedenen Ländern und Institutionen – darunter auch aus dem Landesverband Sozialpsychiatrie Mecklenburg-Vorpommern e.V. – beschäftigen sich mit den alternativen Unterstützungsformen für Menschen mit schweren Traumafolgestörungen.

Das Buch ist hier im ZKS Verlag für psychosoziale Medien erhältlich. Informationen über die Herausgeberin finden Sie hier. Das Vorwort und die drei ersten Beiträge von Kinikanwo Green (University of Port Harcourt), Rosemary Ogu (University of Port Harcourt), Karsten Giertz (Landesverband Sozialpsychiatrie Mecklenburg-Vorpommern e.V.) und Verena Kolbe (Institut für Rechtsmedizin Rostock) können Sie hier frei einsehen.

Themenheft Kinder psychisch erkrankter Eltern

Eltern mit psychischen Erkrankungen und ihre Kinder gehören zu einer Zielgruppe, die in der Gesundheitsversorgung von Deutschland aktuell sehr stark fokussiert wird. Zahlreiche Studien weisen darauf hin, dass Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene aus Familien mit einem psychisch erkrankten Elternteil häufiger Gesundheitsprobleme aufweisen, als die Gleichaltrigen aus der Allgemeinbevölkerung.

Die Zusammenhänge sind sehr komplex. So können genetische, biologische und psychosoziale Faktoren zu einer höheren Vulnerabilität für psychische Auffälligkeiten und Erkrankungen bei den Kindern führen. Weiterhin wirken sich die psychischen und sozialen Belastungen der Eltern im Zusammenhang mit der Erkrankung beeinträchtigend auf die Beziehung und Bindung sowie auf die Erziehungskompetenz und auf die Unterstützung der Kinder aus. Zudem können Schuldgefühle und Insuffizienzerleben in der Erziehung oder Stigmatisierung aufseiten der Eltern dazu führen, dass die Bewältigung der eigenen psychischen Erkrankung negativ beeinflusst wird, dass die Unterstützungs- und Behandlungs-möglichkeiten aus Angst vor Sorgerechtsentzug nicht aufgesucht werden oder dass es im schlimmsten Fall zur Vernachlässigung oder Misshandlung der Kinder kommt.

Foto von Daria Obymaha von Pexels

Allgemein fehlt es in Deutschland in vielen Regionen an entsprechenden niedrigschwelligen und ganzheitlichen Angeboten für Familien mit einem psychisch erkrankten Elternteil. In vielen Bereichen der psychosozialen Versorgung findet jedoch gegenwärtig ein grundlegender Paradigmenwechsel statt, der die Auswirkungen von psychischen Erkrankungen stärker im Zusammenhang mit der Lebenswelt der Menschen betrachtet. Wenn dies auf nicht stigmatisierende Weise geschieht werden neue Formen der Intervention und Prävention möglich.

Die Fachzeitschrift Psychotherapie widmet sich in der aktuellen Ausgabe dem Thema „Kinder psychisch erkrankter Eltern“ und greift dabei die aktuellen Entwicklungen und Erkenntnisse auf. Mehrere Autor*innen weisen in wissenschaftlichen Übersichtsarbeiten und Studien auf die besondere Bedeutung des Themas für die Gesundheitsversorgung hin und zeigen auf, wie die betroffenen Eltern und Kinder adäquat unterstützt werden können. Dabei nimmt die Psychotherapie eine herausragende Rolle ein, was sowohl für die institutionelle als auch für die Psychotherapie in den niedergelassenen Praxen gilt.

Das Themenheft gibt Aufschluss über wichtige Fragen, wie psychische Erkrankungen einen Risikofaktor für die Entwicklung von Kindern darstellen, ob das aktuelle Angebot in Deutschland psychisch erkrankte Eltern und Kinder erreicht, und ob weitere relevante Angehörige (z. B. das nicht psychisch kranke Elternteil) ebenfalls einbezogen werden können.

Die meisten Artikel der aktuellen Ausgabe sind hier frei zugänglich.

Eine Übersicht zu den Aktivitäten des Landesverbandes Sozialpsychiatrie Mecklenburg-Vorpommern e.V. zum Thema finden Sie hier auf der Seite der Landeskoordination Kinder aus psychisch und/ oder suchtbelasteten Familien.

Suizidalität und Suizidprävention im Bundesgesundheitsblatt

In Deutschland verstarben 2020 insgesamt 9 206 Personen durch Suizid. Dies entspricht etwa 25 Personen pro Tag. Rund 75 % der Selbst­tötungen wurden von Männern begangen. Das durchschnittliche Alter von Männern lag zum Zeitpunkt des Suizides bei 58,5 Jahren. Bei Frauen liegt der Altersdurchschnitt bei 59,3 Jahren. Im Gegensatz zu anderen Ländern ist die Zahl der Suizide in Deutschland in den letzten Jahren zurückgegangen (Statistisches Bundesamt 2022).

Im Zusammenhang mit einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Frage der Selbstbestimmung und dem selbstbestimmten Sterben von 2020 sowie den daraus folgenden Diskussionen veröffentlichte das Bundesgesundheitsblatt im Januar 2022 ein Themenheft zu Suizid und Suizidprävention. Das Heft gibt einen Überblick zum aktuellen Forschungsstand zur Suizidforschung, zur Suizidprävention und zu den Unterstützungsmöglichkeiten in Deutschland. Mehrere Expert*innen geben Einblick in die aktuellen Erkenntnisse zur Epidemiologie von Suiziden und Suizidversuchen, diskutieren verschiedene Themen in diesem Zusammenhang wie die Rolle der psychischen Erkrankungen bei einem Suizid und stellen die aktuellen Unterstützungsmöglichkeiten durch Psychotherapie und Beratungsangeboten vor. Die Beiträge der Zeitschrift können hier frei abgerufen werden.

Empfehlungen der S3-Leitlinie Schizophrenie für Betroffene und Angehörige

2019 wurde die S3-Leitlineie „Schizophrenie“ durch die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde sowie durch die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V. in Zusammenarbeit mit zahlreichen anderen Verbänden und Fachgesellschaften veröffentlicht.  Ausgehend von der systematischen und kritischen Auswertung von aktuellen wissenschaftlichen Studien beinhaltet die S3-Leitlinie Empfehlungen für die Behandlung und Versorgung von Menschen mit psychotischen und schizophrenen Erkrankungen. Die Leitlinie ist nicht rechtlich bindend, sondern unterstützt die Entscheidungsfindung und gilt bis mindestens März 2023. In einer Lang- und Kurzfassung kann die S3-Leitlinie „Schizophrenie“ hier heruntergeladen werden.

Neben der neuen Schwerpunktsetzung auf somatische Begleiterkrankungen bei Menschen mit psychotischen und schizophrenen Erkrankungen, der multiprofessionellen Behandlung nach dem Prinzip der unterstützenden Entscheidungsfindung, der gleichberechtigten Berücksichtigung von Psychotherapie und weiteren psychosozialen Therapien gegenüber der psychopharmakologischen Therapie, den neuen Empfehlungen in der psychopharmakologischen Behandlung und beruflichen Rehabilitation, beinhaltet die Leitlinie auch relevante Neuerungen für Betroffene und ihren Angehörigen. Die Rheinische Gesellschaft für Soziale Psychiatrie hat diese Empfehlungen in einem Flyer zusammengefasst, der hier heruntergeladen werden kann.

Zugang zur Psychotherapie für Menschen mit intensiven und komplexen Unterstützungsbedarfen

Die psychotherapeutische Behandlung von psychischen Erkrankungen gilt in vielen Leitlinien neben der psychiatrischen und psychopharmakologischen Behandlung bei vielen Krankheitsbildern als Behandlung der ersten Wahl. Allerdings erhalten nur wenige Menschen mit psychischen Erkrankungen einen Zugang zu entsprechenden psychotherapeutischen Behandlungsmöglichkeiten. Vor allem psychisch erkrankte Menschen mit komplexen und umfangreichen Hilfebedarfen werden von der psychotherapeutischen Versorgung nahezu ausgeschlossen.

Anlässlich des BARMER Arztreport 2020 zum Thema „Psychotherapie – veränderter Zugang, verbesserte Versorgung“ widmete sich der Landesverband Sozialpsychiatrie Mecklenburg-Vorpommern e.V. der psychotherapeutischen Versorgung von psychisch erkrankten Menschen mit komplexen Hilfebedarfen. Die Erkenntnisse und Positionen des Landesverbandes Sozialpsychiatrie Mecklenburg-Vorpommern e.V. in Auseinandersetzung mit dem BARMER Arztreport wurden in jeweils zwei Dokumenten zusammengefasst.

Position des Landesverbandes Sozialpsychiatrie Mecklenburg-Vorpommern e.V.

Erkenntnisse des Landesverbandes Sozialpsychiatrie Mecklenburg-Vorpommern e.V.