Adoleszentenpsychiatrie

„Jung früh erkrankt, chancenlos… ??? – Auswege aus der Exklusionsfalle“

Die Lebensphase der Adoleszenz meint – in Abgrenzung zur Pubertät, die biologische Prozesse während der Übergangsphase zwischen Kindheit und Erwachsenenalter kennzeichnet – die sogenannte „psychosoziale Pubertät“, in der wesentliche mentale und soziale Entwicklungsschritte vollzogen werden. Neben der körperlichen Reife, die in dieser Phase erfolgt, steigen vor allem die Anforderungen von Eltern, Schule und Gesellschaft an den Jugendlichen. Daneben tritt die Bedeutung der Eltern bzw. der Familie zugunsten des Einflusses der „Peergroup“ zurück. Am Ende der Adoleszenz entspricht die psychosoziale Entwicklung der Übernahme reifer sozialer Verantwortung des Menschen in Beruf, Partner- und Elternschaft.

Nach heutigen Erkenntnissen geht diese wesentliche Lebensphase durch das Zusammenwirken verschiedener neurobiologischer Prozesse und zunehmender Anforderungen der Umwelt mit psychosozialen Belastungen einher, welche das Risiko an einer psychischen Störung zu erkranken deutlich erhöhen. Dieser Umstand kann dazu führen, dass die Bewältigung der ohnehin herausfordernden Anforderungen dieser Lebenspanne nicht ausreichend funktioniert bzw. verzögert oder unterbrochen wird und wesentliche Entwicklungsaufgaben wie der Schul- und/oder Berufsabschluss sowie die Verselbständigung nicht gelingen. Vor allem Kinder und Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien mit geringem finanziellen Einkommen verfügen häufig nicht über die ausreichenden ökonomischen, kulturellen und sozialen Ressourcen, um die psychischen Belastungen zu bewältigen.

Aktuellen epidemiologischen Studien zufolge weisen etwa 16 % der Kinder und Jugendlichen Merkmale von schweren psychischen Belastungen auf (z. B. Angststörungen, Depressionen, Suizidalität). Dabei nimmt jedoch nur ein Drittel der Adoleszenten vorhandene Unterstützungsangebote in Anspruch. Durch die therapeutische und psychosoziale Unterversorgung kommt es langfristig zu psychischen und sozialen Folgen wie schwere depressive Störungen, einem geringen Selbstwertgefühl, einem höheren Manifestationsrisiko von chronischen psychischen Erkrankungen, familiären Konflikten, sozialer Isolation, Suizidgedanken, Leistungsversagen oder Schul- und Ausbildungsabbrüchen. Nicht selten geht der frühe Krankheitsbeginn mit negativen Auswirkungen auf die Schwere sowie auf den Verlauf der psychischen Störung einher, was im Erwachsenenalter zu Beeinträchtigungen in der Teilhabe am Arbeitsleben, zur gesellschaftlichen Exklusion oder auch zur langfristigen Inanspruchnahme von Leistungen zur sozialen Teilhabe führt und die Bedeutung von Prävention und Frühinterventionen in diesem Bereich unterstreicht.

Neben den oben genannten Umständen kommt erschwerend hinzu, dass die differenzierten Behandlungs- und Betreuungsangebote für Adoleszente im psychiatrischen als auch im psychosozialen Bereich vielfach von Schnittstellen und Brüchen aufgrund der formalen Altersgrenze von 18 Jahren gekennzeichnet sind und insgesamt als unzureichend beschrieben werden müssen. Zudem bewegen sich die vorhandenen Unterstützungsleistungen in einem außerordentlichen komplexen sozialrechtlichen Gefüge. Dementsprechend sind die Jugendlichen, jungen Erwachsenen und deren Eltern mit einer Vielzahl an Institutionen, entsprechenden formalen Verfahren und Personen konfrontiert, was zu erheblichen Herausforderungen hinsichtlich der Zugänge zu geeigneten und passgenauen Hilfeangeboten führt.