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ProjektbeschreibungProjektteam
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Modellprojektleitung: Antje Werner
Modellprojektmitarbeitende: Anke Wagner, Susanne Siebeck

Laufzeit: 01.01.2018 – 31.12.2021


Adoleszentenpsychiatrie
Jung, früh erkrankt, chancenlos…??? -
Auswege aus der Exklusionsfalle



Frühe multidisziplinäre und sektorenübergreifende Intervention für Adoleszente mit psychischen Störungen mit dem Ziel, Teilhabechancen und Wahlmöglichkeiten und damit Inklusion zu fördern statt eine Exklusion in Sondersysteme z.B. der Eingliederungshilfe zu unterstützen sowie Verhinderung der Entstehung und Aufrechterhaltung der psychischen Störung.

2018-2020(21)

Die vorliegende Projektbeschreibung bezieht sich auf eine Projektlaufzeit von zunächst drei Jahren (2018-2020) und befindet sich vor dem Hintergrund der beantragten um ein Vielfaches höheren Fördersumme aktuell noch in einem Entwurfsstatus und ist im Detail noch mit dem Referat für Psychiatrie, Maßregelvollzug, Sucht und Prävention abzustimmen. Es wird vor dem Hintergrund der Projektbeschreibung und der Umsetzungsplanung davon ausgegangen, dass dieser Zeitraum realistisch ist. Das Projekt soll zwei Bausteine umfassen, wobei der Hauptförderschwerpunkt bei dem Thema Adoleszentenpsychiatrie liegt.

1. Hinführung:
Die Lebensphase der Adoleszenz meint - in Abgrenzung zur Pubertät, die biologische Prozesse während der Übergangsphase zwischen Kindheit und Erwachsenenalter kennzeichnet, die sogenannte "psychosoziale Pubertät", in der wesentliche mentale und soziale Entwicklungsschritte vollzogen werden. Neben der körperlichen Reife, die in dieser Phase erfolgt, steigen vor allem die Anforderungen von Eltern, Schule und Gesellschaft an den Jugendlichen. Wesentliche typische Entwicklungsherausforderungen, die mit diesem Lebensabschnitt verknüpft sind, sind:
Akzeptieren der eigenen körperlichen Veränderungen
Das Lösen vom Elternhaus
Der Aufbau eines eigenen Freundeskreises
Erste intime Kontakte und Beziehungen
Entwicklung einer eigenen Weltanschauung
Vorstellung einer beruflichen Laufbahn
Entwicklung einer Zukunftsperspektive.

Daneben tritt die Bedeutung der Eltern bzw. der Familie zugunsten des Einflusses der "peer-group" zurück. Am Ende der Adoleszenz entspricht die psychosoziale Entwicklung der Übernahme reifer sozialer Verantwortung des Menschen in Beruf, Partner- und Elternschaft.
Diese wesentliche Lebensphase geht nach heutigen Erkenntnissen allerdings auch - durch das Zusammenwirken verschiedener neurobiologischer Prozesse und zunehmender Anforderungen der Umwelt - mit dem Risiko einher, an einer psychischen Störung zu erkranken. In der Adoleszenz beginnen viele psychiatrische Störungen mit Relevanz für das Erwachsenenalter. Dieser Umstand kann dazu führen, dass die Bewältigung der ohnehin herausfordernden Anforderungen dieser Lebenspanne, wie oben beschrieben, nicht ausreichend funktioniert bzw. verzögert oder unterbrochen wird und wesentliche Entwicklungsaufgaben wie der Schul- und/oder Berufsabschluss sowie die Verselbständigung nicht gelingen (Ärzteblatt online 2013).

Insofern kommt der Früherkennung- und intervention an dieser Stelle eine wesentliche Bedeutung zu (Wienberg und Steinhart 2017).
Die Bedeutung und Chancen von Früherkennung und Frühintervention insbesondere bei Psychosen sind vielfach belegt, denn vor allem die Reduzierung der Dauer der Nichtbehandlung und die Verringerung chronischer Verläufe lassen sich nachweisen (Wittmann u.a. 2017). Weiterhin wirkt sich eine frühe Erkennung und adäquate Behandlung auch vermeidend, verringernd oder verzögernd auf eine mögliche Erstmanifestation der Störung aus (Müller u.a. 2012).
Aber Früherkennung und Frühintervention sind nicht nur störungsspezifisch relevant sondern auch störungsübergreifend wie beispielsweise für junge Erwachsene und Jugendliche (Herpertz-Dahlmann u.a. 2013). Bekannt ist aber, dass Adoleszente das vorhandene Hilfesystem nur unzureichend in Anspruch nehmen (Cotter u.a. 2015; Hintz-Peter u.a. 2015). "Der Beginn einer psychischen Erkrankung liegt in der Regel vor dem dreißigsten Lebensjahr, eine adäquate Behandlung findet hingegen oftmals erst Jahre später statt." (Karow u.a. 2013; Lampert u.a. 2013). Darüber hinaus ist ein früher Krankheitsbeginn nicht selten mit negativen Auswirkungen auf die Schwere sowie den Verlauf der psychischen Störung verbunden, was die immense Bedeutung einer rechtzeitigen entsprechenden Diagnostik und Behandlung unterstreicht. Hiernach muss konsequent abgeleitet werden, dass Adoleszente einen frühen niedrigschwelligen Zugang zum Hilfesystem benötigen, um eine adäquate Hilfe so schnell wie möglich zu beginnen (Karow u.a. 2013, Lampert u.a. 2013).
Neben vorgenannten Umständen kommt erschwerend hinzu, dass die differenzierten Behandlungs- und Betreuungsangebote für Adoleszente im psychiatrischen als auch im psychosozialen Bereich vielfach von Schnittstellen und Brüchen aufgrund der formalen Altersgrenze von 18 Jahren gekennzeichnet sind und insgesamt als unzureichend beschrieben werden müssen. Dies wird auch im Psychiatrieentwicklungsplan des Landes M- V (2011) ausführlich dargestellt und durch die Fachgesellschaften der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Erwachsenenpsychiatrie bestätigt.
"Es gibt ein weit differenziertes Netz an ambulanten, teilstationären und stationären Behandlungsangeboten für Kinder und Jugendliche einerseits und für Erwachsene andererseits in Mecklenburg-Vorpommern. Menschen, die vor dem 18. Lebensjahr erkranken, müssen allerdings aus formalen Gründen im stationären und teilstationären Bereich regelhaft das Behandlungssetting wechseln. Im ambulanten Setting gibt es begrenzte Möglichkeiten der Fortführung einer begonnen Behandlung über das 18. Lebensjahr hinaus durch den Kinder- und Jugendpsychiater oder Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten. Auch die Kostenträger für komplementäre Hilfen wechseln In der Regel mit der Beendigung des 18. Lebensjahrs. Hier gibt es allerdings ebenfalls Ausnahmen. Wenn die Hilfe vor dem 18. Lebensjahr begonnen hat und absehbar vor dem 21. Lebensjahr auslaufen wird, kann sie über das SGB VIII (Jugendhilfe) fortgeführt werden. Einem Jugendlichen mit 17,11 Jahren steht damit das gesamte Spektrum der jugendpspezifischen Hilfen zur Verfügung, einem Jugendlichen, der mit 18,1 Jahren erkrankt, nicht. Dies ist eine künstliche Grenze, die der gesellschaftlichen Wirklichkeit nicht mehr gerecht wird." (Ilg, 2014 unveröffentlicht)

Die Erkrankung tritt damit zu einem Zeitpunkt ein, in dem die Heranwachsenden noch mit adoleszenten Entwicklungsaufgaben konfrontiert sind und wichtige Weichen für den Übergang in das erwachsene Leben gestellt werden.
Zudem bewegen sich die vorhandenen Unterstützungsleistungen, die in dieser Lebenspanne nur bei ausreichender Information und Koordination in Anspruch genommen werden könnten, in einem außerordentlich komplexen sozialrechtlichem Gefüge (SGB V, SGB VIII, SGB XI, SGB XII, SGB II). Nicht selten sind demnach nicht nur Leistungen aus verschiedenen Sozialgesetzbüchern möglich, sondern auch vielfältige Leistungen aus den einzelnen Rechtsvorschriften und damit sind Jugendliche und junge Erwachsene mit einer Vielzahl an Institutionen und entsprechenden Verfahren und Personen konfrontiert, z.B. aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie und später Erwachsenenpsychiatrie (Ärzte/Pfleger,Sozialarbeiter, Therapeuten), Jugendhilfe (Fallmanager, Sachbearbeiter, Sozialarbeiter freier Träger), Schule/Schulamt Lehrer/Psychologen/Sozialarbeiter), Ausbildung (Vorgesetze, Sozialarbeiter) Jobcenter/Arbeitsagentur (Fallmanager/Rehaberater), Sozialhilfe (Fallmanager/Sachbearbeiter, Sozialpädagogen). Auch die Eltern bzw. Erziehungsberechtigten müssen zwingend an dieser Stelle als wesentliche Akteure Erwähnung finden. In dieser Vielfalt an Angeboten und Menschen müssen sich die Heranwachsenden mit ihrer psychischen Störung zusätzlich orientieren und koordinieren, was eine wesentliche Herausforderung darstellt, denn nicht selten spielen in dieser Gemengelage auch unterschiedliche Interessen, Haltungen und Erwartungen eine Rolle. Die Praxis zeigt, dass viele mit diesen Rahmenbedingungen in dieser für die Zukunft als "Erwachsener" immens wichtigen Entwicklungsphase überfordert sind und sich damit Entwicklungsverläufe abbilden, die hinsichtlich der Teilhabe am Arbeitsleben und am gesellschaftlichen Leben zu einer Exklusion und zwingenden Hinführung in die Sonderwelt der Eingliederungshilfe führen.
Die Erfahrungen aus der Praxis, die durch die in das Modellprojekt einzubeziehenden Kliniken für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Erwachsenenpsychiatrie in Röbel bzw. Stralsund aus Vorgesprächen gespiegelt wurden und auch im Rahmen eines dazu durchgeführten Workshops bereits im Jahr 2016 durch die Mitglieder des Landesverbandes Sozialpsychiatrie beschrieben wurden, werden ebenfalls durch die Ergebnisse einer in M-V durchgeführten Studie zu Lebenslagen von Menschen, die heute Eingliederungshilfeleistungen bekommen, gestützt. Im Wesentlichen wurde hier deutlich, dass
gut 10 % der Eingliederungshilfeempfänger keinen Schulabschluss haben, 87 % der Menschen ohne Schulabschluss erreichen auch keinen Berufsabschluss
ca. 40 % haben keinen beruflichen Bildungsabschluss und 59 % der Menschen ohne Abschluss sind vor dem 21. Lebensjahr erkrankt
insgesamt geben gut 40 % an, dass ihre Erkrankung vor dem 20. Lebensjahr begonnen hat
Nicht einmal die Hälfte der befragten Menschen, die jetzt Eingliederungshilfemaßnahmen erhalten, hat eine Arbeit/geschützte Beschäftigung (Steinhart u.a. 2018)

Diese alarmierenden Daten decken sich bundesweit mit Daten aus der Praxis.
Offensichtlich ist die Eingliederungshilfe die Unterstützungsperspektive für chronisch seelisch erkrankte Menschen, die vor dem 18. Lebensjahr erkranken. Sammeln sich hier womöglich Menschen, die durch die Interventionen der Jugendhilfe, Schule, Kinder- und Jugendpsychiatrie usw. nicht so erreicht wurden, dass ihre Teilhabe am Leben ohne nachrangige Sozialleistungen gelingt. Gelingt es uns zunehmend nicht, jungen Menschen mit psychischen Erkrankungen und schwieriger Prognose trotz Unterstützung "normale" Lebensverläufe zu ermöglichen? An welcher Stelle werden Interventionen fehlgeleitet und schafft es das System nicht, wirksam Hilfen zu gestalten und die Weichen insbesondere in Richtung Arbeit und Beschäftigung zu stellen. Wichtige Grundlagen wie das Erreichen eines Schulabschlusses und eines Ausbildungsabschlusses müssen mit Blick auf die damit verbundenen Chancen zur Teilhabe am Arbeitsleben geschaffen werden.
Auch Untersuchungen in M-V zur Situation von Menschen, die in geschlossenen Einrichtungen der Eingliederungshilfe leben, zeigen deutlich die Forderung und Chancen von früher rechtzeitiger wirksamer Intervention auf (Speck u.a. 2013). Dies spielt auch insbesondere für den Personenkreis der sogenannten "Systemsprenger" eine Rolle, deren "Karrieren" nach den Praxiserfahrungen vor allem der Mitglieder des Landesverbandes Sozialpsychiatrie nicht selten früh beginnen und im "worst case" in der geschlossenen Unterbringung landen und leben.

In der Diskussion um notwendige neue Versorgungskonzepte tut sich also auch die Frage auf, welche Bedingungen ein Behandlungs- und Unterstützungssystem erfüllen sollte, damit sich die Zahl der "Systemsprenger" in einer Versorgungsregion verringert und unter welchen Bedingungen ein regionales Behandlungs- und Unterstützungssystem gemeinsam "Systemsprenger" aushalten kann. Wie können Präventionsmaßnahmen und Interventionen so organisiert werden, so dass ein Eintritt ins psychiatrische System vermieden oder dieser zielgerichtet und passgenau und teilhabeorientiert gesteuert werden kann?
Kann der Zugang zu Bildung, Arbeit und Lebensräumen in jungen Jahren dann folgende Krankheitsverläufe verhindern, die ohne die Intervention in der Eingliederungshilfe enden?

Die vorgenannten Ausführungen zeigen, dass viele Fragen, die sich bei Eintritt und oft auch längerem Verbleib in der Eingliederungshilfe stellen, eigentlich vorher gelöst werden müssen und wir dringend neue integrierte Konzepte der Behandlung- und Betreuung von Menschen in der Entwicklungsspanne von 15-25 Jahren benötigen.

2. Modellregionen

Modellregion Landkreis Vorpommern-Rügen

2.1 Ausgangssituation
Im Landkreis Vorpommern-Rügen besteht in Stralsund am Helios Klinikum ein tagesklinisches Angebot sowie eine Psychiatrische Institutsambulanz, die speziell auf die Behandlungsbedarfe von Adoleszenten mit psychischen Erkrankungen ausgerichtet ist. Das Angebot ist an die Erwachsenenpsychiatrie angegliedert. Durch einen Erfahrungsaustausch der Stralsunder mit einem Mitarbeiterstab der Röbler Kinder- und Jugendpsychiatrie wurde die Oberärztin der Adoleszententagesklinik auf das im Rahmen des Projektes "Psychiatrie am Fall" gegründete "Netzwerk Adoleszentenpsychiatrie" aufmerksam und nahm zunächst Kontakt zu der Psychiatriekoordinatorin des Landkreises Vorpommern-Rügen auf, die ihrerseits beim Landesverband Sozialpsychiatrie anfragte, ob ein Netzwerkaufbau sowie das Anlegen einer Patientendatenbank mit Unterstützung des Landesverbandes Sozialpsychiatrie möglich wäre. In einem kürzlich dazu durchgeführten Gespräch mit der Oberärztin und der Psychiatriekoordinatorin konnten gemeinsame Verabredungen für ein Projekt getroffen werden.

2.2 Ziel: Aufbau eines Adoleszentennetzwerkes
Da der Bedarf an der Stralsunder Klinik weniger im Behandlungsbereich sondern vielmehr an der Schnittstelle zur Versorgung nach klinischer Behandlung liegt, wird verabredungsgemäß für diese Region zunächst das Ziel der Netzwerkaufbau für einen noch zu bestimmenden Sozialraum sein. Die systematische Ausweitung des Netzwerkes auf den Landkreis wird im zweiten Drittel des Projektes zu prüfen sein. Nach Aussagen der Oberärztin und der Psychiatriekoordinatorin liegen die vorrangigen Probleme - wie auch aus Röbel bekannt-, darin für den Personenkreis tatsächlich wohnortnahe, passgenaue Hilfen im Bereich Wohnen und Schule/Ausbildung/Beruf zu arrangieren. Darüber hinaus "kranken" zufriedenstellende Hilfeverläufe vor allem daran, dass eine kontinuierlich vorhandene Bezugsperson für den Jugendlichen bzw. jungen Erwachsenen fehlt, die konsequent seine Interessen vertritt und ihn bei seiner Zielerreichung unterstützt.
Insofern stehen in Stralsund zunächst Interventionen auf der Systemebene im Vordergrund. Für den Netzwerkaufbau sind insbesondere Vertreter folgender Institutionen des psychosozialen Hilfesystems zu gewinnen:
  1. Sozialamt
  2. Jugendamt
  3. Sozialpsychiatrischer Dienst
  4. Schulamt
  5. Arbeitsagentur einschl. Rehabereich
  6. Rentenversicherungsträger
  7. Krankenkassen
  8. Leistungsanbieter Jugendhilfe/Eingliederungshilfe

Grundlage des gemeinsamen Handelns muss die unbedingte Personenorientierung und die gegenseitige fachliche Akzeptanz sein. Zur Vorbereitung einer Gründungsveranstaltung für das Netzwerk müssen Gespräche mit Entscheidungsträgern der einzelnen o.g. Fachbereiche geführt werden. Insbesondere für eine gelingende verwaltungsübergreifende Zusammenarbeit in einer Gebietskörperschaft, sind erfahrungsgemäß die Dezernenten/Senatoren der Verantwortungsbereiche Schule, Jugend, Soziales, Gesundheit einzubeziehen. Im Landkreis Vorpommern-Rügen bereitet die Psychiatriekoordinatorin gemeinsam mit der Oberärztin der Adoleszentenstation und dem Landesverband Sozialpsychiatrie ein im November 2017 terminiertes Gespräch mit der verantwortlichen Dezernentin vor, um sie für das Projektvorhaben und insbesondere für den Netzwerkaufbau zu gewinnen und eventuell sogar für eine Schirmherrschaft.

Eine inhaltlich noch abzustimmende Datenerfassung der besonderen (oft unerfüllten) Bedarfe der PatientInnen der Adoleszentenstation in den Bereichen Wohnen, Schule, Ausbildung/Beruf wird zudem Teil des Projektes sein. Hier wurden in Röbel gute Erfahrungen gesammelt, um die Ergebnisse des Netzwerkes und die Weiterentwicklung der Angebotsstruktur zu stärken.

Modellregion Landkreis Mecklenburgische Seenplatte (Region Röbel)

2.3 Ausgangssituation
Der "Plan zur Weiterentwicklung eines integrativen Hilfesystems für psychisch kranke Menschen in Mecklenburg-Vorpommern (August 2011)" fordert u. a. im Interesse von Kindern und Jugendlichen mit komplexen fachbereichsübergreifenden Hilfebedarfen die Kooperation von Kinder- und Jugendhilfe und Kinder- und Jugendpsychiatrie. Die Kooperation wird im "Leitfaden zur Zusammenarbeit: Kinder- und Jugendhilfe mit Kinder- und Jugendpsychiatrie in Mecklenburg-Vorpommern" (Juli 2011) weiter konkretisiert.
Im Weiteren misst der Psychiatrieplan den Schnittstellen - also dem Übergang zwischen zwei verschiedenen Hilfesystemen - in der psychiatrischen und psychosozialen Versorgung besondere Bedeutung und hier vor allem dem Übergang von dem kinder- und jugendpsychiatrischen in den allgemeinpsychiatrischen Bereich zu (vgl. Plan zur Weiterentwicklung eines integrativen Hilfesystems für psychisch kranke Menschen in Mecklenburg-Vorpommern, 2011, S. 31).

Im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte besteht seit dem Jahr 2013 unter der Federführung der Chefärztin der kinder- und jugendpsychiatrischen Klinik in Röbel Frau Dr. Ilg eine Arbeitsgruppe, die sich mit der Entwicklung und Umsetzung von Konzepten zur Kooperation der o. g. Fachbereiche im Sinne der Optimierung von Hilfen für die Zielgruppe der erwachsen werdenden Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen mit Chronifizierungstendenz auseinandersetzt. Gemeinsam wurde eine Konzeption "Netzwerk Adoleszentenpsychiatrie" in regelmäßigen Treffen beschrieben und fortentwickelt. Frau Dr. Ilg ist es gelungen, regionale Vertreter verschiedener Fachbereiche des Jugendamtes, Sozialamtes, des Sozialpsychiatrischen Dienstes, des Schulamts, der Arbeitsagentur einschließlich Rehabereich, des Rentenversicherungsträger und der Krankenkassen für eine Zusammenarbeit zu gewinnen.
Seit 2015 wird das Netzwerk durch den Landesverband Sozialpsychiatrie fachlich-inhaltlich und organisatorisch unterstützt und gemeinsam mit den Beteiligten weiterentwickelt. Für den Bereich Röbel und die angrenzende Region kann ausgesagt werden, dass sich das Netzwerk als festes Gremium etabliert hat. Nach einem gemeinsamen Kick off im Jahr 2015 haben sich verschieden themenspezifische Arbeitsgruppen gebildet (AG 1 Wohnen/ Therapie AG 2 Spezialsprechstunde Adoleszentenpsychiatrie in der PIA sowie AG 3 Schule/ Ausbildung/ Beruf), die unterjährig regelmäßig tagen und deren Ergebnisse in dem jährlichen Treffen des Netzwerkes u.a. vorgestellt werden. Neben vielen positiven Effekten der bisherigen (jeder kennt jeden, vereinfachte Abläufe in der Zusammenarbeit, Ansätze für neue Versorgungsangebote im Bereich Arbeit und Wohnen) wurde insbesondere im laufenden Jahr deutlich, dass das Netzwerk Adoleszentenpsychiatrie einer Weiterentwicklung bedarf. Insbesondere die die im Rahmen der AG Schule, Ausbildung, Beruf durchgeführten anonymisierten Fallberatungen haben sich als sinnvoll erwiesen und brachte für den Einzelfall gute Lösungsansätze und greifbare Ideen für die Weiterentwicklung der Unterstützungsstruktur. Die in der Klinik durchgeführte und durch den Landesverband Sozialpsychiatrie unterstütze Datenerhebung brachte ebenfalls erste Anhaltspunkte für eine Risikogruppe (schwierige Prognose) von PatienntInnen, die einer besonderen Unterstützung bedürfen. Dabei wurden nachfolgende Daten über einen Zeitraum von ca. 1 ½ Jahren erhoben
Kriterien zur Aufnahme in Erhebung:
Alter 15-26 Jahren (Adoleszenz)
Psychische Erkrankung
Komplexer Hilfebedarf

Die Daten resultieren z.T. aus den vorliegenden Patientenakten und z.T. aus Selbstauskünften der PatientInnen. Es wurden Daten zu verschiedenen Themen dokumentiert:
Anzahl (Klinikbereich, Aufnahme-/ Entlassungsdatum)
Alter, Geschlecht, Bildung, Ausbildung, Einkommen
Diagnosen, vorherige Behandlungen
Wohnsituation bei Aufnahme/ Entlassung
Lebensform, soziale Kontakte
Gesetzlicher Betreuung und bisher durchlaufenden EGH-Maßnahmen.

Die Daten müssen aktuell noch vervollständigt, bereinigt und differenzierter ausgewertet werden.

2.4 Ziel:
Frühe multidisziplinäre und sektorenübergreifende Intervention für Adoleszente mit psychischen Störungen mit dem Ziel, Teilhabechancen und Wahlmöglichkeiten und damit Inklusion zu fördern statt eine Exklusion in Sondersysteme z.B. der Eingliederungshilfe zu unterstützen sowie Verhinderung der Entstehung und Aufrechterhaltung der psychischen Störung.
Vor dem Hintergrund der bisherigen Erfahrungen zum Thema Adoleszentenpsychiatrie im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte und den oben genannten Ausführungen (Hinführung) sollen in Abstimmung mit den beteiligten Akteuren die notwendigen frühen Interventionen grundsätzlich auf zwei Ebenen stattfinden. Auf der Einzelfallebene und auf der Systemebene. Die Verzahnung beider Ebenen erfolgt über ein regionales Steuerungsgremium. Hierzu bietet sich im Landkreis der bestehende Gemeindepsychiatrische Steuerungsverbund an.

Da hinsichtlich der schulischen Wiedereingliederung von Adoleszenten mit psychischen Erkranken und auch bezüglich der Arbeitswelt die Datenlagen als fast inexistent beschrieben werden muss (S3 Leitlinie 2013), ist ein Modellprojekt in M-V mit diesem Fokus unabdingbar.

Ein Lösungsansatz für die vorgenannte Problemlage kann aus Sicht des Landesverbandes und in Abstimmung mit den beteiligten Akteuren im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte in der modellhaften Erprobung frühzeitiger sektorenübergreifender Interventionen nach Möglichkeit mit einem IPS Coaching als zentralem Element liegen. Die Konzeptidee beruht auf der wirksamen Methode des Coachings und zwar im Sinne des IPS - Individual Placement and Support -, das 1993 durch Becker und Drake erstmals beschrieben worden ist. Charakteristisch für diese Art der Unterstützung ist das Vorhandensein einer koordinierenden, verlässlichen, sektorenübergreifend zuständigen Bezugsperson, die je nach Bedarf des jungen Menschen ein Coaching in verschiedenen Lebensbereichen (Bildung, Beruf, Freizeit, Beziehungen, Wohnen) anbietet.
Angelehnt an die Prinzipien, die aus dem Bereich Job-Coaching untersucht und beschrieben sind, lassen sich für das IPS insbesondere die fortlaufende Evaluation, die unbedingte Lebensweltnähe und Normalisierung, die Kontinuität und zeitliche Entfristung des Coachings durch eine Bezugsperson benennen. Zudem ist das Coaching als Teil der psychiatrischen Behandlung zu betrachten und als unbedingt integriert in eine Gesamtplanung für den adoleszenten Menschen zu charakterisieren. Die Ziele und Wünsche des Adressaten stehen im Zentrum der individuellen Ausrichtung des Coachings.

Interventionen auf der Systemebene
Den Rahmen für das individuelle Coaching müssen zwingend regionale Unterstützungskonferenzen bieten, die weit über den engen Rahmen der Psychiatrie hinausreichen und für die Adoleszenten mit dem Auftrag "Pflichtversorgung", verbindliche regionale Lösungen für Teilhabechancen in Bildung, Beruf, Freizeit suchen. Für das Modellprojekt ist eine Weiterentwicklung des Netzwerkes Adoleszentenpsychiatrie zu einem regionalen Kompetenznetzwerk, das als Unterstützungskonferenz genutzt werden soll, notwendig. Hierzu sind zunächst Verabredungen zu verbindlicher und fachübergreifender Zusammenarbeit im Rahmen einer Geschäftsordnung unter Nutzung der Empfehlung des Leitfadens zur Kooperation von Jugendhilfe und Kinder- und Jugendpsychiatrie und aller am Behandlungs- und Betreuungsprozess Beteiligten sowie der bisherigen Erfahrungen des Netzwerkes von Nöten. Das Kompetenznetzwerk muss als fester Bestandteil des Gemeindepsychiatrische Steuerungsverbundes etablieren und seine Ergebnisse dort regelmäßig einfließen lassen. Die Erfahrungen aus dem Kompetenznetzwerk sollen den Gemeindepsychiatrischen Verbund in die Lage versetzen, die Versorgungsstruktur besonders in den Lebensbereichen Wohnen und Schule/Arbeit/Beschäftigung für die betroffenen Adoleszenten passgenau und bedarfsgerecht weiterzuentwickeln. Denn entsprechend der S3 Leitlinie müssen "differenzierte Wohnangebote für Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen zur Förderung von Teilhabe und Selbstständigkeit zur Verfügung stehen. Die Entscheidung für die Art der Betreuung und die Form des Wohnens sollte in Abhängigkeit von dem individuellen Hilfebedarf der Patienten und den Einschätzungen der unmittelbar an der Behandlung und Betreuung Beteiligten, unter Einschluss der Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie sowie des sozialen Umfeldes, insbesondere der Angehörigen, erfolgen".
Hinsichtlich der Arbeitsrehabilitation muss folgendes handlungsleitend sein: "Das Vorhandensein einer abgeschlossenen Ausbildung ist als Grundlage für die Teilhabe am Arbeitsleben für Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen von enormer Wichtigkeit. Daher sollten reguläre betriebliche und sonstige Ausbildungsangebote wohnortnah und mit entsprechenden flankierenden Unterstützungsangeboten zur Verfügung stehen (Empfehlung 15 S3-Leitlinie). Zur beruflichen Rehabilitation von Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen, die eine Tätigkeit auf dem ersten Arbeitsmarkt anstreben, sollten Programme mit einer raschen Platzierung direkt auf einen Arbeitsplatz des ersten Arbeitsmarktes und unterstützendem Training (Supported Employment) genutzt und ausgebaut werden" (Empfehlung 12 S3-Leitlinie).
Darüber hinaus muss im Rahmen der Weiterentwicklung des Netzwerkes auf Wunsch unbedingt der Einbezug der psychiatrischen Klinik in Neubrandenburg erfolgen sowie die noch stärkere Verknüpfung des Netzwerkes mit vorhandenen Netzwerkstrukturen im Landkreis, z.B. dem Jugendservice MSE. Die Leiterin des Jugendservice MSE regte weiterhin an, dass die Ausweitung des Netzwerkes auf den gesamten Landkreis Ziel des Projektes sein sollte. Der Landkreis ist flächenmäßig der größte im Bundesgebiet. Hierbei ist unbedingt auf Arbeitsfähigkeit des Netzwerkes zu achten. Womöglich ist die Gründung mehrerer Netzwerke nach Sozialräumen sinnvoll.

Interventionen auf der Einzelfallebene
Auf der Einzelfallebene soll mit Unterstützung des Kompetenznetzwerkes frühe und integrierten Intervention erprobt und systematisch erfasst werden.
Ziel ist es für Einzelfälle soll einen standardisierten Algorithmus zu entwickeln, der den Beteiligten Handlungssicherheit bietet und dem Betroffenen und seinem Bezugssystem verlässliche individuelle Unterstützung zusichert. Statt der bisherigen Behandlungs- und Betreuungssystematik sollen frühzeitige, schon während der psychiatrischen Behandlung beginnende Interventionen erfolgen, die in der Ermöglichung von Teilhabechancen in den Lebensbereichen Wohnen, Beziehungen, Schule, Ausbildung, Beschäftigung münden und möglichst unter lebensweltnahen und "normalen" altersentsprechenden Bedingungen stattfinden.

Zielgruppe
Zur Zielgruppe für die Erprobung gehören Menschen im Alter von 15-25 Jahren mit schweren psychischen Erkrankungen mit Chronifizierungstendenz wie schizophrene, affektive und drogeninduzierte Psychosen, Angst- und Zwangsstörungen, Essstörungen, posttraumatische Belastungsstörungen, beginnende Persönlichkeitsstörungen und schwere Identitätsentwicklungsstörungen. Ein weiteres Kriterium der Zielgruppe ist, das sie vor dem Hintergrund der Erkrankung eine hinsichtlich der Erlangung von Schulabschluss, Ausbildungsabschluss, sozialer Teilhabe und Verselbständigung für sie eine eher schwierige Prognose abbilden lässt und damit das Risiko für wesentliche Einschränkungen in der Teilhabe in der Zukunft darstellt. Auch junge sogenannte "Systemsprenger" mit komplexem Hilfebedarf sollen in die Erprobung aufgenommen werden.

Wissenschaftlich zu untersuchender Teil:
Der Umfang und der wissenschaftliche Auftrag des Projektes sind noch näher mit dem Gesundheitsministerium sowie den handelnden Akteuren der Modellregionen abzustimmen.
Denkbar wäre neben der Dokumentation und Erfassung der Fallverläufe die Untersuchung folgender Aspekte:
Ergebnisqualität der Behandlung (Klinik)
Ergebnisqualität der psychosozialen Hilfen/ Coaching (Überprüfung der Zielerreichung)
Interviews mit den PatientInnen
Interviews mit sozialen Bezugssystem

Für die Erprobung der Gesamtplanung unter Partizipation der Betroffenen und aller am Prozess Beteiligten, ist eine Zusammenarbeit mit Angehörigen, die Koordination und Kooperation der verschiedenen Institutionen und der Einbezug des nichtprofessionellen Hilfe- und Selbsthilfesystems notwendig. Alle Behandlungs- (und Rehabilitations-)schritte sollten in diesen Gesamtplan integriert werden sowie individuell und phasenspezifisch im Rahmen einer multiprofessionellen und möglichst wohnortnahen Behandlung und Betreuung abgestimmt werden.

Vernetzung auf Landesebene:
Im Rahmen des Projektes ist ausgewiesenes Ziel, dass sich der Landesverband Sozialpsychiatrie als Landeskoordinierungsstelle für das Thema profiliert. Hierzu werden die bestehenden Vernetzungsstrukturen des Landesverbandes genutzt. In diesem Zusammenhang sind insbesondere folgende Gremien/ Netzwerke zu benennen und einzubeziehen:
LAG Psychiatriekoordinatorinnen
LAG Kinder und Jugendpsychiatrie des LSP
Adoleszentennetzwerk(e)
Landesweite Netzwerke nutzen Kinder- und Jugendpsychiatrie (Krankenhausbehandlung)
Auftaktveranstaltung in 2018
Nutzung Psychiatriewegweiser



 
   
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