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» Aktueller Projektantrag- und Beschreibung des Modellprojektes "Psychiatrie am Fall" (2015-2017), (PDF-Datei, 394 KB)

Personenzentrierte Fallsteuerung zur Überwindung der Schnittstellen in der Psychiatrie - unter besonderer Berücksichtigung der gerontopsychiatrischen Versorgung (2013 - 2014)
» Projektregionen (PDF-Datei, 597 KB)

1. Hinführung
Der Psychiatrieentwicklungsplan des Landes Mecklenburg Vorpommern von 2011 beschreibt die Psychiatrie als Querschnittsfach, dass "genuin auf Vernetzung, Kooperation und Koordination angelegt ist". Hinter dieser Zuordnung verbirgt sich die Erkenntnis, dass das psychosoziale Hilfesystem durch eine Vielzahl an Akteuren, Leistungsträgern und Maßnahmen geprägt ist, deren Zusammenspiel noch ein deutliches Optimierungspotential aufweist. Wenn man so
will: Das - übrigens auch volkswirtschaftlich - dringendste Problem der psychiatrischen Versorgung ist die Organisation von Aufgaben, Zuständigkeiten und Budgets primär über sozialrechtlich definierte Leistungen statt nach Personen über die Zeit. Konkret heißt dies (vgl. Koch, Steinhart, Wienberg 2012. Unveröffentlichtes Thesenpapier, Institut für Sozialpsychiatrie
MV,Greifswald).
· Das Versorgungssystem ist nach Sozialgesetzbüchern und innerhalb derselben nach Sektoren versäult.
· Die einzelnen Leistungen werden als Einzelmaßnahmen erbracht, die weder im Querschnitt noch im Längsschnitt systematisch aufeinander abgestimmt sind.
· Zwischen und innerhalb der Behandlungen, Rehabilitation und Pflege kommt es in hohem Maße zu Abbrüchen der inhaltlichen und personellen Kontinuität.
· Die Koordinierungsleistungen wird den Nutzern überlassen, die diese umso weniger erbringen können, je schwerer die Störung tatsächlich ist.
· Die finanziellen Anreize wirken in die falsche Richtung: Maßnahmenausweitung auf Seiten der Leistungserbringer und Ressourcenverknappung als Reaktion der Leistungsträger. Diese generelle Problembeschreibung ist nicht neu. Der oben genannte Psychiatrieentwicklungsplan weist auf, dass in Mecklenburg Vorpommern in der Vergangenheit eine ganze Reihe
von Initiativen entwickelt wurden, um - im Rahmen der durch die Gestaltungsmöglichkeiten des Landes und der Kommunen gegebenen Möglichkeiten - auf das Steuerungsdefizit zu reagieren. Dabei lag der Schwerpunkt häufig auf der Entwicklung von Instrumenten, die innerhalb eines Leistungsbereiches (SGB XII) die Koordination und Vernetzung effektiver gestalten
sollten. Angesprochen sind dabei insbesondere regionale Managementsysteme wie beispielsweise die gemeinde-psychiatrischen Verbünde, das regionale Budget in Rostock sowie die Einzelfallsteuerungen durch Hilfeplankonferenzen.

Gleichwohl zeigen die praktischen Erfahrungen, dass gerade auch die Übergänge zwischen den einzelnen Hilfesystemen erhebliche Probleme aufweisen. Das gilt beispielsweise für die Übergänge von der Kinder- und Jugendpsychiatrie in den Erwachsenenbereich oder für die Schnittstelle von Jugendhilfe und Jugendpsychiatrie. Nicht anders sieht es etwa hinsichtlich der Verzahnung von Obdachlosenhilfe und Psychiatrie aus. Auch hier gibt es - auf unterschiedlichen
Steuerungsebenen - einen Handlungsbedarf zur Bearbeitung der Übergänge. Aber auch die - tendenziell schwierigen - Übergänge vor, d.h. zur Vermeidung und aus der Forensik zeigen, dass an den Nahtstellen der leistungsbezogenen Hilfesysteme eine Optimierung der Steuerungen notwendig ist.

2. Einzelfallbezogenen Steuerung in der Gerontopsychiatrie
Auch der Psychiatrieentwicklungsplan des Landes Mecklenburg Vorpommern betont, dass insbesondere die Versorgung alter Menschen von großer Bedeutung ist und bleiben wird. Denn der Rückgang der Geburtenzahl, die selektive Abwanderung gerade junger Menschen und der Anstieg der Lebenserwartung führen dazu, dass Mecklenburg-Vorpommern besonders
stark von der demographischen Entwicklung betroffen ist. Nach Auskunft des Landesamtes für Statistik MV hat sich das Durchschnittsalter in Mecklenburg Vorpommern seit 1990 um 9.3 Jahre erhöht. Mit einem Durchschnittsalter von 35.4 Jahren hatte MV zur Wendezeit bundesweit noch die jüngste Bevölkerung. 2008 war die Bevölkerung nur in anderen neuen
Bundesländern im Durchschnitt noch älter als in MV. Prognosen zufolge wird dieser Trend mittelfristig kaum gebrochen. Der Anteil von Menschen, die über 65 Jahre sind, wächst von derzeit 21,7% auf voraussichtlich 36,2 % im Jahr 2030 an. (Durchschnitt Bundesrepublik: 28,8%).
Ein zentraler Begleiteffekt der demographischen Veränderung ist der steigende Pflegebedarf in der Bevölkerung. Nach der Pflegestatistik 2007 waren in der Bundesrepublik rund 2.25 Millionen Menschen (MV 56.939) pflegebedürftig, und zwar im Sinne des Pflegeversicherungsgesetzes. Es kann aber davon ausgegangen werden, dass auf Grund der engen Definition
des Sozialgesetzbuches die Zahl deutlich nach oben korrigiert werden müsste, da nur diejenigen erfasst werden, die u.a. einen Pflegebedarf von täglich 90 Minuten haben. Unabhängig davon weist das Bundesamt für Statistik aus, dass bundesweit die Zahl der Pflegebedürftigen gegenüber 2005 um 5.6 % gestiegen ist. Im vergleichbaren Zeitraum stieg in Mecklenburg Vorpommern die Zahl der amtlich erfassten Pflegebedürftigen von 2005 auf 2007 um 11% an. (Landesamt Statistik MV)

Ferner ist grundsätzlich davon auszugehen, dass in Zukunft die Pflegebedürftigkeit noch stärker als bisher von Multimorbidität, Chronizität und vor allem von psychiatrischen Auffälligkeiten wie Demenzerkrankungen geprägt bzw. dominiert werden wird. Auch wenn z. B. demenzielle Erkrankungen in absehbarer Zeit medizinisch vermutlich nur bedingt kontrollierbar sein werden, so gilt es jedoch aus volkswirtschaftlichen und ethischen Gründen, die sozialen Dimensionen durch strukturelle Maßnahmen steuerbar bzw. gestaltbar zu machen. Schätzungen zufolge sind aktuell in MV ca. 20 000 Menschen von dementiellen Erkrankungen betroffen (ca. 7% der über 65-Jährigen). Da der zentrale Risikofaktor für demenzielle Erkrankungen das Alter ist, wird ferner erwartet, dass diese Zahl in den nächsten Jahren deutlich (ca. +90%
bis 2020) ansteigen wird. Insofern kann davon ausgegangen werden, dass in naher Zukunft jeder sechste Bürger bzw. Bürgerin MV in der Alterskohorte der über 65-Jährigen an Demenz erkranken wird. Für einige Kommunen in MV wird sogar prognostiziert, dass die Prävalenz dort in den nächsten zehn Jahren bis zu 140% wachsen wird (z.B. Neubrandenburg).

Belastbare Zahlen zur Größenordnung anderer gerontopsychiatrischer Krankheitsbilder liegen derzeit nicht vor.
Nach Analysen des Landesverbandes Sozialpsychiatrie MV werden die bisher in Mecklenburg-Vorpommern vorhandenen ambulanten und teilstationären Angebote den spezifischen Anforderungen gerontopsychiatrisch erkrankter Menschen und ihrer Angehörigen noch nicht umfassend gerecht. Hier ist u.E. eine Weiterentwicklung notwendig, die den Kriterien einer
passgenauen, lebensfeld- und sozialraumorientierten Hilfe folgt. Durch die Einbindung der Ressourcen und Bedingungen des sozialen Nahfeldes wie Familie und/oder Nachbarschaft sollte so ein ganzheitlicher Ansatz im Sozialraum entwickelt werden, der über die Grund,- Behandlungs- und Hauswirtschaftspflege hinausgeht und weiterführende z.B. psychosoziale Leistungen mit einschließt. Denn bei komplexen und differenzierten Hilfebedarfen sind die betroffenen Bürgerinnen und Bürger - krankheitsbedingt und/oder strukturbedingt - oftmals überfordert. In diesem Fall ist eine ausführliche Fallklärung - meist verbunden mit der zusätzlichen Fallsteuerung - zwingend erforderlich.

Die insgesamt unzureichende sozialräumliche Fallsteuerung("Case-Management") auf Basis eines sektorübergreifenden zeitnah und individuell abgestimmten Hilfe-, Pflege- und Unterstützungsplanes ist vielfach die Ursache für eine schnelle Einweisung in ein stationäres Pflegesetting. Dies entspricht aber oft genug nicht den Bedürfnissen der betroffenen Menschen. Selbst bei Etablierung von Steuerungsmodellen wie den Pflegestützpunkten werden die Ressourcen der Quartiere und Sozialräume nicht ausreichend "gehoben". Es fehlen die Schnittstellen zwischen den aktivierbaren Ressourcen im Quartier und den professionellen Steuerungsmodellen, um im Sinne von Komplexleistungen Lebensfeld bezogene Hilfearrangements erfolgreich zusammenzustellen. Das aber die Bearbeitung dieser Schnittstellen dringend erforderlich
und auch mit finanziellen Ressourcen ausgestattet werden muss, haben jetzt die Akteure in der Hansestadt Rostock in die Sozialplanung der Stadt aufgenommen. Das Quartier mit einem der höchsten Quoten an älterer Bevölkerung, die Rostocker Südstadt, soll hier zur Modellentwicklung dienen (s.u.).
Nach wie vor wird generell die Pflege mehrheitlich von der Familie erbracht. Mit einer Quote von 70.5% häuslicher Pflege liegt die Situation in MV im Bundesdurchschnitt. Diese Größenordnung entspricht auch den Pflegepräferenzen, die Angehörige pflegebedürftiger Menschen in Repräsentativbefragungen äußern. Laut einer aktuellen Umfrage vom Institut für Demoskopie Allensbach (2011) präferieren 76% der Personen mit einem pflegebedürftigen Angehörigen die häusliche Pflege (ambulante Pflege: 21% und Pflegeheim 5%). Die Bereitschaft, pflegebedürftige Angehörige in ein stationäres Obhut zu geben, ist also äußerst gering ausgeprägt. Dies wurde auch bei der Befragung von Angehörigen im Rahmen des Modellprojektes hinreichend deutlich.
Allerdings zeigen die Erfahrungen, dass das familiäre Pflegearrangement nicht immer den Belastungen des Alltags standhält. Nach langer Zeit persönlichen Engagements und Aufopferung kapitulieren die Angehörigen oftmals, wenn der Betreuungsaufwand eine gewisse Schwelle überschreitet. Die Einweisung in ein Pflegeheim ist demzufolge nicht zwangsläufig die unmittelbare Folge einer somatischen Verschlechterung des Gesundheitszustandes eines Pflegebedürftigen, sondern eher in der allmählichen "Überhitzung" bzw. in der der krisenhaften Eskalation eines chronisch überforderten privaten Unterstützungssystems zu sehen. Vor diesem Hintergrund stellen sich Heimeinweisungen tendenziell eher als Ergebnis einer sozialen als einer medizinischen Indikation dar. Ein weiterer Aspekt, der für eine Stärkung der
familiären Pflege spricht, ist die volkswirtschaftliche Perspektive. Gerade in Mecklenburg Vorpommern ist mittelfristig auf Grund der hohen Arbeitslosenzahlen und des geringen Lohnniveaus mit einer hohen Altersarmut zu rechnen. Der Versuch, auf die steigenden Prävalenzen etwa im Bereich der Demenz mit dem Ausbau stationärer Kapazitäten zu reagieren, kann mittelfristig für die Kostenträger bzw. die Kommunen zu einer großen finanziellen Belastung werden.
Eine sozialräumlich ausgerichtete Fallsteuerung - insbesondere bei Menschen mit eher komplexen Hilfebedarfen bzw. bei drohender Heimeinweisung - ist unseres Erachtens eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass durch eine frühzeitige Verzahnung lebensfeldorientierter Ressourcen die häusliche Pflege stabilisiert und die Angehörigen entlastet werden. Denn sie zielt darauf ab, im Rahmen einer fallbezogenen umfangreichen Analyse und eines gegenseitigen
Aushandlungsprozesses frühzeitig ein differenziertes Pflegearrangement zu konzipieren und - begleitet! - umzusetzen. Ein solches Pflegearrangement enthält idealerweise neben verbindlichen Zielvereinbarungen auch Indikatoren zu deren Umsetzung und Erfolgsmessung. Darüber hinaus schließt sich - wie oben angedeutet - eine Vermittlung, Einleitung sowie Koordination geeigneter Maßnahmen mit stetiger Qualitätskontrolle und Anpassung der Maßnahmen an. Im Rahmen einer solchen Fallsteuerung sollen also passgenaue und integrierte Versorgungsverläufe im Sozialraum sichergestellt werden. Mit anderen Worten: Im Rahmen des beantragten Projektes sollen individuelle Arrangements im Lebensfeld entwickelt werden, in denen demente und anders gerontopsychiatrisch erkrankte Menschen mit komplexen Hilfebedarfen unter gezielter und sorgfältig angesetzter professioneller und familiärer/freiwilliger /ehrenamtlicher Unterstützung möglichst aus eigener Kraft bzw. weitestgehend selbstbestimmt "ihr Leben" leben können. Eine solche Einzelfallsteuerung soll exemplarisch dazu beitragen, die in der Regel unzulänglich vernetzte und für Hilfesuchende kaum durchschaubare Versorgungsstruktur für den Einzelfall zu überwinden und im Sozialraum Ressourcen zu erschließen, die helfen können, den Automatismus stationärer Pflege zumindest zeitlich hinauszuzögern.

3. Strukturelle Voraussetzungen
Im Rahmen des vom Sozialministerium unterstützten Modellprojektes "Länger leben in MV" hat der Landesverband Sozialpsychiatrie von 2009 bis 2012 in ausgewählten Regionen Mecklenburg Vorpommerns u.a. die Errichtung von Pflegestützpunkten mit Blick auf gerontopsychiatrische Bedarfe unterstützt.
Ein zentrales Anliegen des Modellprojektes war es dabei, im Kontext der Pflegestützpunktdiskussion Strukturen vorzubereiten, die bei gerontopsychiatrisch erkrankten Menschen mit einem komplexen Hilfebedarf ein passgenaues und sozialräumliches Arrangement von Hilfeleistungen erlauben. Insofern zielte das Modellprojekt "Länger leben in MV" primär auf Organisationsentwicklung, Netzwerkbildung und konzeptionelle Begleitung der Akteure in verschiedenen Regionen Mecklenburg Vorpommerns.
Dabei haben sich die Strukturen in zwei Regionen besonders gut entwickelt: in der Hansestadt Rostock und im Landkreis Nordwestmecklenburg.

3.1. Hansestadt Rostock
In der Kooperation mit der Hansestadt Rostock und weiteren zentralen örtlichen Akteuren der Altershilfe konnte in dem Quartier der "Südstadt" Rostocks und in Abstimmung mit dem regionalisierten Pflegestützpunkt ein Konzept zur Hilfeplanung von gerontopsychiatrisch erkrankten Menschen entwickelt werden. Gleiches gelang auch in Nordwestmecklenburg.
So hatte bereits im Juli 2011 die Sozialsenatorin der Hansestadt Rostock dem Modellprojekt "Länger leben in Mecklenburg Vorpommern" den Auftrag zur Organisationsberatung beim Aufbau des im Juni 2011 in der Hansestadt Rostock errichteten Pflegestützpunktes unter besonderer Berücksichtigung von Menschen mit gerontopsychiatrischen Erkrankungen erteilt. Konkret wurde hierzu ein Konzept zur koordinierten, motivierenden, passgenauen und abgestimmten Steuerungsstruktur für Hilfen gerontopsychiatrisch erkrankter Menschen und ihrer Angehörigen in der Gemeinde entwickelt. Dieses Kompass-Konzept ist die Basis und bildet die Grundlage zur erarbeiteten Zielvereinbarung, einschließlich der Leitlinien und des vereinbarten Maßnahmeplans. Hierzu trafen sich mehrfach Akteure der Hansestadt Rostock sowie des Modellprojektes, um gemeinsame Anknüpfungspunkte für die Koordination und Vernetzung zu schaffen. Schließlich konnte die erste Zielvereinbarung des Modellprojekts mit der Kommune ausgehandelt werden. Die Sozialsenatorin Rostocks unterschrieb im Dezember 2011 die Vereinbarung mit dem Ziel, die Angebotsstruktur für alte Menschen, insbesondere Menschen mit gerontopsychiatrischen Beeinträchtigungen, auf der Basis gemeinsamer verabredeter Leitlinien zu differenzieren und zu flexibilisieren sowie das Altenhilfesystem für die Hansestadt Rostock prozesshaft zu begleiten und weiterzuentwickeln. Es wurde eine Lenkungsgruppe etabliert, in der die Vertreter der verschiedenen Akteure (Krankenhaus, Universitätsklinikum, LIGA, Selbsthilfe) unter Federführung der Stadt zusammenkommen, um die organisatorische Entwicklung des Pflegestützpunktes zu bewerten und konzeptionell zu unterstützen. Eine zusätzliche Informationsrückkopplung mit den lokalen Leistungserbringern und -trägern ist durch die regelmäßige Teilnahme durch jeweils einen Vertreter des Modellprojekts an der zweimal jährlich stattfindenden Arbeitsgemeinschaft "Gerontopsychiatrie"
sichergestellt.

3.2. Landkreis Nordwestmecklenburg
Auch im Landkreis Nordwestmecklenburg ist es im Juni 2011 gelungen, die Landrätin für die Übernahme der Schirmherrschaft für ein gerontopsychiatrisches Netzwerk zu gewinnen und den Aufbau dieses Netzwerkes mit regionalen Entscheidungsträgern zu initiieren und voranzutreiben. Dabei wurde zunächst eine interne Lenkungsgruppe Gerontopsychiatrie eingerichtet, die mit Vertretern der Wismarer Klinik, der Kommune, einem Vertreter der Alzheimer
Gesellschaft MV und einer niedergelassenen Psychiaterin sowie mit Mitarbeitern des Modellprojektes besetzt wurde. Zentrales Ziel dieser Lenkungsgruppe ist es, den Ausbau der (gerontopsychiatrischen) Hilfen für alte Menschen im Landkreis fachlich zu begleiten. Konkret wurde dabei einerseits ein für den Landkreis gerontopsychiatrisches Beratungskonzeptes
erarbeitet, das die Vernetzung der vorhandenen beraterischen Angebote beinhaltet und mit Blick auf die neu zu errichtenden Pflegestützpunkte vor allem mobile, aufsuchende Beratungsstrukturen vorhält und andererseits - unter Einbeziehung weiterer Akteure aus der Allgemeinmedizin, der Alzheimergesellschaft und bestehender mobiler Beratungsstrukturen - ein Modell für eine gerontopsychiatrische Fallsteuerung entwickelt.

4. Projektziele und Handlungsfelder
4.1. Zielvorgabe I:

Kernziel des vorliegenden Projektvorschlages ist die Erprobung und Evaluation gerontopsychiatrischer Fallsteuerungsinstrumente in der Hansestadt Rostock und im Landkreis Nordwestmecklenburg.
Dabei soll ein Analyseschwerpunkt insbesondere auf dem Vergleich einer städtischen und einer eher ländlichen Region gelegt werden.

4.1.1. Handlungsfelder in der Hansestadt Rostock

Phase 1:
In einer ersten Projektphase wird die konzeptionelle Grundlage einer Fallsteuerung differenziert entwickelt. Bisher steht ein "am Schreibtisch" entwickeltes Konzept (siehe folgende Abbildungen). Dieses theoretische Konzept muss zunächst für die praktische Umsetzung "angepasst" werden.
Folgende Parameter werden in diesem Zusammenhang geschärft und auf ihre praktische Anwendbarkeit überprüft:
_ Zugänge
_ Medizinisches Assessment
_ Erweitertes Assessment mit Sozialraumbezug
_ Kooperationsstruktur mit Leistungsträgern und Leistungserbringern

Phase 2:
Gleiches gilt für die Phase 2 (siehe folgende Abbildung)Im weiteren Projektverlauf soll in der Südstadt der Hansestadt Rostock unter Einbindung des Pflegestützpunktes und anderer relevanter Akteure die Fallsteuerung exemplarisch umgesetzt und kasuistisch für mindestens 10 Fälle dokumentiert werden. Hierbei sind alle Einzelschritte der Phase 2 zu bearbeiten und in der Umsetzung anhand von Einzelbeispielen zu evaluieren.

Phase 3:
Die Ergebnisse und Erfahrungen mit der Fallsteuerung werden im Rahmen eines Berichtes und fachöffentlicher Workshops publiziert und zur Diskussion gestellt.

4.1.2. Handlungsfelder im Landkreis Nordwestmecklenburg
Phase 1:

Auch hier liegt ein erster Entwurf für ein theoretisches Handlungsmodell vor. Das vorliegende Konzept einer Fallsteuerung gerontopsychiatrischer Hilfen soll zunächst konkretisiert (wer macht genau was zu welcher Zeit) und weiter entwickelt werden.

Phase 2:
Das präzisierte Fallsteuerungskonzept soll probeweise umgesetzt und für mindestens 10 Fälle dokumentiert und evaluiert werden.

Phase 3:
Die Ergebnisse und Erfahrungen mit der Fallsteuerung werden im Rahmen eines Berichtes und fachöffentlicher Workshops publiziert und zur Diskussion gestellt. Insgesamt soll ein Vergleich der Ergebnisse auch Aufschluss über die Handlungsmöglichkeiten in eher ländlich strukturierten Regionen Mecklenburg Vorpommerns geben.
Durch die Anbindung des Modellprojektes an das Bundesmodellprojekt der Aktion Psychisch Kranke e.V. und enge Kooperationsbeziehungen zu anderen Erprobungsregionen wie z.B. Krefeld sind auch weitere differenzierte Ergebnisse und Bewertungen im Vergleich zu anderen Bundesländern zu erwarten.

4.2. Zielvorgabe II: Initiierung neuer Netzwerke zur Unterstützung des Aufbaues einer einzelfallbezogenen Steuerung
Die im Rahmen des Modellprojektes "Länger leben in MV" initiierten Netzwerke insbesondere im Landkreis Vorpommern-Greifswaldsollen weiter begleitet werden. Hier sind im Rahmen des vorhergehenden Modellprojektes "Länger leben in MV" bereits zwei regionale Netzwerke (Greifswald und Ostvorpommern) installiert. Durch die Kreisgebietsreform ist es bislang nicht gelungen, aus diesen Netzwerken heraus, Partner für die Umsetzung einer sozialräumlich ausgerichteten Fallsteuerung verbunden mit der Einrichtung von Hilfeplankonferenzen für Menschen mit komplexen Unterstützungs- und Pflegebedarfen unter Federführung der Kommunen zu gewinnen.
Im Rahmen der vorliegenden Projektskizze und der Erfahrungen aus der Hansestadt Rostock und dem Landkreis Nordwestmecklenburg sollen weiterhin die Kontakte zu den Akteuren und besonders der kommunalen Politik genutzt werden, das Anliegen einer Fallsteuerung umzusetzen. Wenn möglich und von diesen gewünscht sollen auch andere Kommunen in MV wie z.B. die Landkreise Rostock, Mecklenburger Seenplatte und gegebenenfalls weitere Interessierte einbezogen werden. Erste Kontakte und Interessensbekundungen der Kommunen sind vorhanden.

4.3. Zielvorgabe III: Fachliche Impulse/Öffentlichkeitsarbeit
Im Rahmen des Projektes soll die gerontopsychiatrische Qualifikation der Fachöffentlichkeit weiter entwickelt werden. Dazu werden fachliche Impulse über öffentliche Workshops und Fachtagungen angestoßen und (mit)veranstaltet. Dies wird in Form der Präsentation von Zwischenergebnissen aus der Projektarbeit als auch über den Input externer Experten erfolgen. Ebenfalls soll der Internet-Auftritt zur Information aller beteiligten Gruppen, insbesondere der Angehörigen weiter gepflegt werden.

4.4. Zielvorgabe IV: Exemplarische Analyse weiterer Schnittstellenprobleme in der Psychiatrie
Der Psychiatrieentwicklungsplan des Landes weist eindringlich auf die besondere Bedeutung der Schnittstellenproblematik in den verschiedenen leistungsübergreifenden Hilfesystemen hin. Im Rahmen des Projektes soll in Abstimmung mit dem Psychiatriereferat des Ministeriums für Soziales, Gleichstellung und Arbeit eine exemplarische Analyse entwickelt werden,
aus der sich praktische Impulse für Lösungsmöglichkeiten ableiten lassen. In diesem Kontext sind bereits Voruntersuchungen etwa mit Blick auf die geschlossenen Unterbringungen nach SGB XII §53 vom Landesverband vorgelegt worden. In enger Abstimmung mit dem Psychiatriereferat des Ministeriums für Arbeit, Gleichstellung und Soziales und vor dem Hintergrund
des Psychiatrieentwicklungsplanes sollen beispielhafte Schnittstellenprobleme empirisch erfasst und Ansätze zur Lösung entwickelt werden.
Hierzu soll zu Beginn dieser Projektphase(Ende 2014) in Abstimmung mit dem Psychiatrie-Referat des Ministeriums für Arbeit, Gleichstellung und Soziales ein Workshop zur Priorisierung und Präzisierung der Fragestellung stattfinden. Eingeladen werden sollen Vertreter aller (1) Schnittstellenthemen, da vermutet wird, dass sich einzelne übergreifende Fragestellungen
identifizieren lassen wie z.B. "Person muss Vorrang vor Struktur erhalten" etc.
Antrag LV Sozialpsychiatrie MV 2013-2016 Psychiatrie am Fall  Seite 10

4.5. Zielvorgabe V: Konzeptentwicklung und erste Initiativen zur Erprobung zur Lösung weiterer Schnittstellenproblem
Aus den unter 4.4 identifizierten Problemstellungen soll beispielhaft ein konkretes Handlungskonzept für eine identifizierte Region zur Überwindung der Schnittstellenproblematik an bestimmten Themen exemplarisch erarbeitet werden. Dabei geht es auch darum, dieses Konzept so zu kommunizieren, dass die entscheidenden Akteure aus Verwaltung und Leistungserbringer ihre Umsetzung betreiben.

4.6. Zielvorgabe VI: Abschlusstagung:
Zum Abschluss des Projektes soll eine umfängliche Fachtagung durchgeführt werden, die die Ergebnisse des Gesamtprojektes präsentiert und Perspektiven zur weiteren Bearbeitung der Schnittstellen aufweist.


 
   
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