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2009 - 2012

» Jahresbericht 2012 (PDF-Datei, 555 KB)

Ausgangssituation

In keinem anderen Bundesland der Bundesrepublik Deutschland wird in den nächsten Jahren der Anteil alter Menschen an der Bevölkerung ähnlich steigen wie in Mecklenburg-Vorpommern. Diese Situation stellt das Land Mecklenburg-Vorpommern vor ganz besondere Herausforderungen in fachlicher, organisatorischer und ökonomischer Hinsicht. Gleichzeitig kann die sich anbahnende deutsche Gesamtentwicklung wie unter einem Vergrößerungsglas bereits jetzt in Mecklenburg-Vorpommern betrachtet werden.
Der demographische Wandel wird sich bundesweit in den nächsten Jahren weiter verschärfen: In den letzten Jahrzehnten hat bereits kontinuierlich die Zahl der Ein-Personen-Haushalte und darunter der Anteil der 65-jährigen und Älteren zugenommen. Es ist davon auszugehen, dass die Zahl der in den höheren Altersgruppen alleine Lebenden - vor allem der Frauen - in den nächsten Jahrzehnten aufgrund zunehmender Hochaltrigkeit und Singularisierung noch deutlich zunehmen wird. Die häufig daraus resultierende soziale Isolation im Alter ist einer der bedeutendsten Faktoren für den Verlauf psychischer Erkrankungen im Alter. Hinzu kommt noch, dass der Trend der Verringerung der Chance, durch eine(n) Partnerin/Partner oder durch eigene Kinder bei zunehmenden Hilfebedarf unterstützt zu werden, sich noch deutlich fortsetzen wird. Blinkert und Klie gehen davon aus, dass das informelle Pflegepotenzial (2001 = 100 %) bis 2010/2015 um 10 % und bis 2050 um ca. 35 % abnehmen wird². Der Anteil der Leistungsempfänger von Leistungen der Pflegeversicherung dagegen erreicht in Mecklenburg-Vorpommern gemeinsam mit Sachsen-Anhalt Spitzenwerte. Ökonomisch wird sich in den neuen Bundesländern aufgrund dauerhaft niedrigerer Einkommen im Erwerbsleben langfristig der Eigenanteil aus Rente und/oder Zusatzversicherungen in einer geringeren Zuzahlungsmöglichkeit (Eigenanteil) der alten Menschen auswirken - was gleichzeitig für die Sozialhilfeträger zu deutlich höheren Belastungen führen wird.

Zielgruppe dieses Projektes sind Personen, die im Alter an akuten oder chronischen psychischen Störungen, insbesondere Demenzen und Depressionen, leiden. Bei mehr als 25 % der über 65-jährigen Menschen liegt eine behandlungsbedürftige psychische Störung vor. Dieser Befund wird übereinstimmend von in- und ausländischen epidemiologischen Untersuchungen bestätigt³.

Zu den wichtigsten psychischen Störungen im Alter zählen laut Sachverständigenkommission zum Vierten Altenbericht (2002):
Demenzerkrankungen, Depressive Störungen, Angst- und Anpassungsstörungen, Wahnhafte Störungen und Abhängigkeitserkrankungen. Hier sind von besonderer Bedeutung: Alkoholabhängigkeit und Medikamentenabhängigkeit.

Besondere Problematiken mit zunehmendem Alter sind:
Die Multimorbidität, d. h. das Risiko an mehreren Erkrankungen aus verschiedenen Organsystemen gleichzeitig zu leiden, ist mit dem höheren Lebensalter ansteigend. Das psychiatrische Erkrankungsrisiko bei gleichzeitigen chronischen körperlichen Beschwerden ist ebenfalls deutlich erhöht. Chronische körperliche Erkrankungen sind ein bedeutsamer Risikofaktor für Depressionen und Demenzen. Darüber hinaus ist ein Anstieg der psychiatrisch-neurologischen Komorbidität festzustellen.
Das Suizid-Risiko älterer Menschen ist insbesondere für ältere Männer, gegenüber jüngeren Menschen deutlich höher. Wichtige Einflussfaktoren für Suizidalität sind psychische Erkrankungen, insbesondere Depressionen, gravierende Veränderungen im sozialen Netzwerk und körperliche Erkrankungen (z. B. chronische Schmerzen).

Probleme in der Ausgestaltung der Hilfen
Die Wünsche der alten Menschen
Die meisten Menschen wollen im Alter auch bei zunehmender Hilfebedürftigkeit in ihrer eigenen Wohnung leben. Dem Alters-Survey (1996) zufolge ist dieser Wunsch bei 81,7 % aller befragten 40-bis 85-jährigen bekundet worden. In der Altersklasse der 70-bis 85-jährigen waren es 79,9 %.4

Die Situation vor Ort
Trotz dieser Bedürfnisse und Wünsche der Bevölkerung gestaltet sich die Situation psychisch kranker alter Menschen vor Ort bislang vielfach so, dass sie notwendige Hilfen nicht oder nicht ausreichend erhalten. Dies führt oft zu einer krisenhaften Zuspitzung und dann z. B. zu einer Aufnahme als Notfall im Allgemeinkrankenhaus und zur Verlegung in ein Heim. In den Allgemeinkrankenhäusern entfallen bereits 50 % der Pflegetage auf über 65-jährige.5 Insbesondere Abteilungen, deren Klientel im Schwerpunkt aus alten Menschen besteht, z. B. Innere oder Chirurgische Abteilungen, haben mit gerontopsychiatrischen Erkrankungen zu tun. Bei psychischen Alterskrankheiten bestehen häufig enge Wechselwirkungen zwischen Beeinträchtigungen der körperlichen und der psychischen Gesundheit. Die psychischen Erkrankungen treten dann bei der Behandlung der somatischen Erkrankung im Allgemeinkrankenhaus als "Störfaktor" auf und werden für die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen und anderen Patienten zum Problem.
Durch ungünstige Rahmenbedingungen in Kombination mit fehlendem gerontopsychiatrischen Hintergrundwissen bei ärztlichem und pflegerischem Personal entwickelt sich der Krankenhausaufenthalt für psychisch kranke alte Menschen, insbesondere mit einer Demenz häufig erneut zu einer Krisensituation, die zu einer gravierenden Verschlimmerung der Symptomatik führt. Nicht selten ist nach einer "misslungenen" Akutbehandlung die häusliche Versorgung nicht weiter auf-rechtzuerhalten. Insgesamt entsprechen der gerontopsychiatrisch spezialisierte Konsildienst im Rahmen der Krankenhausbehandlung und die gerontopsychiatrische Beratung im häuslichen Umfeld oder in der Heimsituation quantitativ und qualitativ nicht den aktuellen Bedarfen.
Der Umzug ins Heim ist aus der Sicht des Betroffenen und ggf. seiner Angehörigen oft eine Notlösung. Angehörige sind oftmals allein für die Pflege verantwortlich. Dabei machen sie immer wieder die Erfahrung, an ihre eigenen Grenzen zu kommen, überfordert zu sein und ungeduldig und unsicher im Umgang mit dem pflegebedürftigen Menschen zu sein.6 Gar nicht selten ist daher auch die häusliche Pflege durch Gewalthandlungen gegenüber den Pflegebedürftigen, aber auch zwischen Gepflegten und Pflegenden geprägt. Derartig belastende Konstellationen für die Angehörigen und deren Pflegebedürftige oder der Wegfall der pflegenden Angehörigen führen oftmals zur Unterbringung des Hilfebedürftigen in ein Heim. Die meisten Menschen wollen gemäß ihrem "Wunsch- und Wahlrecht" in ihrer vertrauten häuslichen und nachbarschaftlichen Umgebung bleiben. Sie wollen - ebenso wie ein alter Baum - nicht verpflanzt werden und sie wollen sich nicht einem fremdbestimmten Leben in einer Institution unterordnen. - Es gibt aber auch eine Minderheit, die den Einzug ins Heim als Entlastung von den Sorgen des Alltags erlebt und gerne am Leben im Heim teilnimmt. Der Familie, nicht nur im engen Sinn verstanden, kommt bei psychischen Erkrankungen eines Familienmitglieds besondere Bedeutung zu. Zusätzlich zur medizinischen Beratung und Behandlung des Erkrankten selbst braucht sie eine Beratung und Betreuung über mögliche nicht medikamentöse Therapien, über versicherungsrelevante, rechtliche und finanzielle Fragen. Auch über die Entlastungsmöglichkeiten für pflegenden Angehörigen muss informiert werden.

Lösungsmöglichkeiten
Eine Lösungsmöglichkeit wird vor allem in einem personenzentrierten und lebensweltorientierten Rahmenkonzept gesehen, das bereits in der Erwachsenenpsychiatrie mit Erfolg erprobt ist und wofür in der Unterstützung von alten psychisch kranken Menschen innerhalb des Altenhilfesystems bereits gute Voraussetzungen vorliegen. Einschränkend ist hier jedoch anzumerken, dass sich genau dieses System mit psychisch kranken alten Menschen besonders schwer tut - insbesondere unter der Leitidee "ambulant vor stationär" und der "qualifizierten Heimvermeidung".
Alte psychisch kranke Menschen benötigen zunächst ein umfassendes Assessment inklusive umfassender Beratung unter Einbezug von gerontopsychiatrisch erfahrenen Fachleuten. Eine erste diagnostische Abklärung sollte u.a. bei den Allgemeinärzten erfolgen. In Umsetzung eines sich hieraus ergebenden Unterstützungs- und Behandlungskonzeptes (Hilfeplan) entsteht im Allgemeinen ein Mix von Hilfen (Komplexleistung) aus den Bereichen medizinischer Hilfen, der Alltagsbegleitung und professioneller Betreuung sowie der Hauswirtschaft und der Pflege. In die Erbringung dieser Leistungen können/sollten auch Angehörige und Ehrenamtliche einbezogen werden. Zumeist ist die Koordination solcher Hilfen, die aus einer differenzierten Hilfeplanung entstehen, durch einen Profi (Case-Manager) erforderlich. Die Organisation und Koordination dieser differenzierten Hilfen (Komplexleistung) im Lebensfeld (Quartier) erfordert eine qualifizierte Beratung vor Ort (z.B. in einem Pflegestützpunkt) und in der jeweiligen Region ein sehr fein abgestimmtes "gerontopsychiatrisches Netzwerk", das seinen Kristallisationspunkt in einem (virtuellen) gerontopsychiatrischem Zentrum finden könnte. Dort könnte das professionelle "Know how" in einer Region gebündelt werden.



1) modellprojekte@sozialpsychiatrie-mv.de
2) Blinkert B, Klie T.: Kasseler Studie, S. 128-131
3) Bickel H.: Epidemiologie psychischer Störungen im Alter. In: Förstl H. (Hg.): Lehrbuch der Gerontopsychiatrie und -psychotherapie. Thieme: Stuttgart, 2. Auflage, 2003: 11-26
4) Motel et al. 2000. Basisdaten: Alters-Survey 1996
5) Bergener, Manfred (1998): 97
6) BAG Hospiz 2004:39

 
   
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